Ärzte Zeitung, 25.07.2016
 

Forschung

Warum Infekte bei Zirrhose ein Problem sind

Wissenschaftler sind der Ursache tödlicher Infektionen bei Leberzirrhose-Patienten auf der Spur.

BONN. Viele Patienten mit Leberzirrhose sterben an unbehandelbaren bakteriellen Infektionen. Ein Team um Forscher der Universität Bonn und der TU München hat nun entdeckt, dass durch in die zirrhotische Leber einwandernde Darmbakterien für die Infektabwehr zuständige Immunzellen abgeschaltet werden, teilt die Uni Bonn mit. Als Folge einer Verkettung von Signalprozessen kommt es zum Versagen der Immunantwort gegen bakterielle Infekte (Gut 2016; online 18. Juli).

Die Forscher gehen davon aus, dass sich mit ihren Erkenntnissen solche lebensgefährlichen Infektionen ohne Antibiotika alleine durch die Verstärkung der Immunantwort eindämmen lassen.Pro Jahr sterben in Europa rund 170.000 Menschen an den Komplikationen einer Leberzirrhose. "Rund ein Drittel der Leberzirrhose-Todesfälle ist auf bakterielle Infektionen zurückzuführen", wird Professor Jonel Trebicka von der Medizinischen Klinik des Uniklinikums Bonn zitiert.Schon länger ist bekannt, dass bei Patienten mit Leberzirrhose das Immunsystem geschädigt ist. Die Ursachen sind unklar. Forscher um Dr. Zeinab Abdullah vom Institut für Experimentelle Immunologie des Uniklinikums Bonn und Professor Percy Knolle vom Institut für Molekulare Immunologie der TU München haben nun herausgefunden, welche Prozesse hinter dem Niedergang des Immunsystems stecken. An Mäusen mit Leberzirrhose haben sie beobachtet, dass für die Infektabwehr zuständige Immunzellen, nämlich Makrophagen und Monozyten in der Leber, in Antwort auf unschädliche Darmkeime anhaltend Typ-1-Interferon produzierten, so die Uni Bonn in ihrer Mitteilung. Bei einer Infektion dieser Immunzellen von einer geringen Zahl von Listerien wurde die Typ-1-Interferon-Produktion massiv angekurbelt. In der Folge kam es zur Ausschüttung von immunregulierendem Interleukin-10, was zum Zusammenbruch der Abwehrfunktion der Makrophagen gegen bakterielle Infektionen und damit zum tödlichen Ausgang von Infektionen führte.

Die Forscher führten die Untersuchungen auch an Monozyten aus dem Blut von Zirrhosepatienten durch. "Nach einer Infektion mit Pathogenen fanden wir in den Monozyten von Zirrhosepatienten ebenfalls deutlich erhöhte Werte für Typ-1-Interferon und Interleukin-10", fasst Dr. Zeinab Abdullah, Forschungsgruppenleiterin am Institut für Experimentelle Immunologie der Uni Bonn, zusammen. "Unsere Ergebnisse identifizieren die Schwachstelle des Immunsystems, die für das Versagen der Immunantwort gegen bakterielle Infektionen verantwortlich ist."

In weiteren Experimenten ergaben sich Ansatzpunkte für neue Therapien: Mäuse, die gar kein Typ-1-Interferon bilden konnten, waren gegen die Infektionen mit Darmbakterien geschützt, weil das Immunsystem nicht übersteuerte. "Das Bahnbrechende daran ist, dass man eine lebensgefährliche bakterielle Infektion ohne Antibiotika alleine durch Verstärkung der Immunantwort verhindern kann", wird Professor Percy Knolle von der TU München zitiert.

Darin sehen die Forscher einen wichtigen Anwendungsbezug: Wenn die Bildung von Typ-1-Interferon in den Leberzellen mit geeigneten Substanzen blockiert wird, könnte das aus dem Ruder laufende Immunsystem absehbar stabilisiert werden. Doch diesen vielversprechenden Ansatz müssten erst noch klinische Studien erweisen. (mal)

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