Ärzte Zeitung, 25.10.2016
 

Aktuelle Studie

Tourismus trägt multiresistente Erreger in alle Welt

DÜSSELDORF. Eine aktuelle Studie bestätigt, dass internationale Reisen erheblich zur Entstehung und Verbreitung multiresistenter Erreger beitragen (Lancet Infect Dis 2016; Online 14. Oktober), teilt das CRM Centrum für Reisemedizin mit. 34 Prozent der international Reisenden, die zuvor frei von ESBL-bildenden Bakterien waren, kehren mit einem Befall dieser Keime in ihre Heimatländer zurück; bei 11,3 Prozent sind sie selbst nach zwölf Monaten in der Heimat noch nachweisbar.

In Südostasien, Zentralasien und Nordafrika ist das Risiko, sich ESBL-bildende Keime einzufangen, besonders hoch. Das Risiko erhöhte sich zudem, wenn Reisende unterwegs Antibiotika eingenommen oder an Reisedurchfall gelitten hatten, so das CRM. Auch Menschen, die an einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung leiden, tragen ein höheres Risiko, auf Reisen multiresistente Keime zu erwerben. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Erreger von Reiserückkehrern an ein Haushaltsmitglied übertragen werden, liegt bei rund zwölf Prozent.

"Wir brauchen bei Ärzten und Reisenden mehr Bewusstsein für die Problematik der auf Fernreisen erworbenen und hierzulande weiterverbreiteten multiresistenten Erreger", wird Professor Tomas Jelinek, Wissenschaftlicher Leiter des CRM, in der Mitteilung zitiert. International Reisende sollten etwa während und nach der Reise auf besonders sorgfältige Hygiene achten. "Die meisten Keime werden über die Hände übertragen. Regelmäßiges und gründliches Händewaschen schützt gefährdete Personen im Umfeld bis zu einem gewissen Grad", so Jelinek.

Aber auch die Vermeidung von Reisedurchfall durch sorgfältige Lebensmittelhygiene sei wichtig. Falls nach der Reise ein Arzt- oder Klinikbesuch ansteht, sollten Reiserückkehrer die Ärzte darauf hinweisen, dass und wann sie im Ausland waren. "Doch auch Ärzte sind gefragt: Bei der Aufklärung von Reisewilligen über Risikofaktoren, aber auch bei der Berücksichtigung möglicher importierter Resistenzen bei Reiserückkehrern. Diese müssen sowohl bei der Behandlung der Reisenden selbst, als auch als potenzielle Gefahr für andere Patienten – etwa bei Krankenhausaufenthalten – mehr in den Blick rücken", so Jelinek. (eb)

[25.10.2016, 13:04:15]
Thomas Georg Schätzler 
Multiresistente Keime kommen auch von draußen in Klinik und Praxis!
Multiresistente Keime sind zu einem relevanten Anteil k e i n e Krankenhaus- oder Praxis-Keime, die in Klinik und Praxis von "unprofessionell" agierenden Krankenhaus- und Praxismitarbeitern herangezüchtet oder durch "dilettantische" Antibiotikaverordnungen verursacht werden. Sondern sie werden von außen in die medizinischen Einrichtungen eingeschleppt.

Die hier referierte Studie aus NL wird durch eine weitere deutsche Publikation bestätigt: "Dass fast jeder zehnte Patient mit multiresistenten Keimen besiedelt ist, wenn er in der Klinik ankommt, war für uns überraschend", wird Dr. Axel Hamprecht von der Uniklinik Köln in der Mitteilung zitiert. Er und Professor Harald Seifert, ebenfalls Uniklinik Köln, hatten zusammen mit Kollegen aus der Charité Berlin diese Studie koordiniert, an der sich sechs deutsche Universitätskliniken beteiligten. Über 4000 Erwachsene wurden bei Klinikaufnahme anhand von Stuhlproben oder Rektalabstrichen auf multiresistente Enterobakterien untersucht (J Antimicrob Chemother 2016; online 17. Juni) aus
http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/infektionskrankheiten/mre/article/917187/krankenhauskeime-kommen-toedlichen-keime-klinik.html

Einer anderen Studie der Universitätsklinik Leipzig (UKL) zufolge, werden multiresistente Keime und Erregerstämme von Fernreisenden mit nach Hause gebracht (J Med Microbiol 2015; 305: 148) und
http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/infektionskrankheiten/?sid=877363

Multiresistente Keime werden offensichtlich zu einem relevanten Anteil von a u ß e n in Klinik und Praxisräume hineingetragen. Der englische Fachbegriff "communicable diseases" trifft den Sachverhalt: übertragbare Krankheiten, die durch interagierende, kommunizierende Personen übertragen werden.

Im Fall des Uniklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), wo bei 31 Patienten der multiresistente Keim Acinetobacter baumannii nachgewiesen werden konnte und 12 Todesfälle zu beklagen waren, wovon in 9 Fällen der Keim als Todesursache ausgeschlossen werden konnte, war die Situation mit den Leipziger Erkenntnissen vergleichbar: Der Keim wurde im Dezember 2014 durch einen Schleswig-holsteinischen Urlauber, der nach einem Unfall in der Türkei nach Kiel verlegt wurde, eingeschleppt. Angaben aus der Türkei dazu fehlten. Bei einer nächtlichen Not-Operation des Patienten sei es dann zur Ausbreitung des Acinetobacter baumannii gekommen.
http://ftp.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/klinikmanagement/article/878051/uniklinik-kiel-lage-stabilisiert-aber-maengel-sichtbar.html

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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