Ärzte Zeitung, 11.04.2017
 

Nutztierhaltung in Europa

Resistenzraten gegen Antibiotika bleiben hoch

Es ist ein Albtraum: Der Patient hat eine Infektion und selbst das übliche Reserveantibiotikum greift nicht. Der Bericht der europäischen Behörden über die aktuelle Resistenzlage lässt erahnen, dass dieses Szenario in Zukunft häufiger vorkommen wird.

Ein Hintergrund von Christine Starostzik

Resistenzraten gegen Antibiotika bleiben hoch

Antibiogramm: Innerhalb der EU-weiten jährlichen Überwachung wurden im Jahr 2015 erstmals bei Schweinen Carbapenem-resistente E. coli festgestellt.

© Guntars Grebezs / Getty Images / iStock.com

Zunehmende Resistenzen von Mikroorganismen gegenüber immer mehr Antibiotika stellen eine ernste Gefahr für die Gesundheit von Mensch und Tier dar. Zum Teil richten sie sich sogar gegen Wirkstoffe, die als letzte verbleibende Therapieoption bei Infektionen mit multiresistenten Keimen gelten.

In ihrem diesjährigen Bericht haben die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (European Food Safety AUTHORity, EFSA) und das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (European Centre for Disease Prevention and Control, ECDC) die Analyseergebnisse zu den Resistenzen von 28 EU-Staaten aus dem Jahr 2015 veröffentlicht (EFSA Journal 2017; 15:4694)

 In diesem Jahr lag der Schwerpunkt auf der Kontamination von Schweinen und Rindern. Kein Grund zur Beruhigung, denn auch diese Keime gelangen mühelos in menschliche Territorien.

Große Unterschiede innerhalb der EU

Die Autoren kommen in ihrem Bericht zu dem Schluss, dass Bakterien bei Menschen, Tieren und in Lebensmitteln weiterhin hohe Resistenzraten gegenüber häufig eingesetzten Antibiotika aufweisen. Dabei schwankt der Resistenzgrad zwischen den europäischen Regionen erheblich.

So weisen nord- und westeuropäische Länder allgemein niedrigere Raten auf als süd- und osteuropäische. Diese Unterschiede sind der Leiterin des EFSA-Referats für biologische Gefahren und Kontaminanten Marta Hugas zufolge sehr wahrscheinlich auf den unterschiedlichen Antibiotikaeinsatz innerhalb der Europäischen Union zurückzuführen.

Rückläufige Tendenzen bei den Resistenzen seien etwa in Ländern zu beobachten, in denen Bestrebungen zur Reduktion des Antibiotikaeinsatzes in der Tierhaltung im Gang sind.

Der Bericht wird in diesem Jahr von einem Tool begleitet, das es möglich macht, die Resistenzlage verschiedener Bakterien bei Tieren, Menschen und in Lebensmitteln in den einzelnen Ländern online abzurufen.

Hohe Rate multiresistenter Salmonellen

Die Analyse zeige eine generell hohe Rate multiresistenter Salmonellen, so die Sachverständigen von EFSA und ECDC, insbesondere auch solcher, die häufig beim Menschen vorkommen. Im Einzelnen wurden innerhalb der EU-weiten jährlichen Überwachung im Jahr 2015 erstmals bei Schweinen sowie im Schweinefleisch Carbapenem-resistente E. coli festgestellt.

In Rind- und Schweinefleisch sowie bei Schweinen und Kälbern wurden ESBL(Extended-Spectrum Beta-Lactamasen)-produzierende E. coli nachgewiesen, was Multiresistenzen gegenüber Beta-Lactam-Antibiotika (unter anderem Penicillin-Derivate und Cephalosporine) bedeutet.

Dabei schwankt die Prävalenz zwischen den einzelnen EU-Ländern erheblich. In Deutschland etwa liegt die Prävalenz von ESBL-produzierenden E. coli in Schweinen bei 39,5 Prozent; in Spanien bei 81,5 Prozent und in Finnland bei 0,3 Prozent.

Colistin kann unter Umständen die letzte Option einer Antibiotikatherapie sein, wenn Menschen mit einem multiresistenten Keim infiziert sind. In sehr geringem Maß wurden 2015 colistinresistente Salmonellen und E. coli bei Schweinen und Rindern nachgewiesen.

Resistenzquoten von mehr als 10 Prozent wurden bei Campylobacter coli aus menschlichen Isolaten entdeckt, und zwar gegen Fluorchinolone und Makrolide. Diese beiden Wirkstoffe werden zur Behandlung schwerer Campylobacter-Infektionen beim Menschen eingesetzt.

Neuer Aktionsplan gefordert

Die Ergebnisse der aktuellen Analyse veranlassen die Experten, erneut koordinierte Maßnahmen zur Eindämmung von Antibiotikaresistenzen zu fordern. Die Laufzeit des ersten Aktionsplans der EU reichte von 2011 bis 2016.

Dem Europäischen Rat zufolge soll bis Mitte 2017 erneut ein nationaler Aktionsplan zur Bekämpfung der Antibiotikaresistenz auf Grundlage des "Eine-Gesundheit-Konzepts" und im Einklang mit den Zielen des globalen Aktionsplans der Weltgesundheitsorganisation (WHO) eingeführt werden. Um den Nachfolgeplan zu realisieren, ruft die Europäische Kommission Behörden, Bürger und Interessenvertreter zur Zusammenarbeit auf.

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