Ärzte Zeitung online, 21.06.2017
 

Forscherwarnung

Schon bald Tropen-Viren in Europa?

Stechmücken, die tropische Viren übertragen, könnten sich durch den Klimawandel nach Europa ausbreiten. Deutsche Forscher haben dafür zwei Szenarien prognostiziert – und geben wenig Zeit fürs Gegensteuern.

Schon bald Tropen-Viren in Europa?

Eine Asiatische Tigermücke: Sie könnte in Zukunft bis nach Europa vordringen und Viren verbreiten.

© Henrik Larsson / Fotolia

BAYREUTH. Tropeninfektionen könnten sich im Laufe des 21. Jahrhunderts bis nach Europa ausbreiten. Der Grund: Durch die Erderwärmung breiteten sich bestimmte Mücken von den Tropen bis nach Europa aus. Das ist in der Fachzeitschrift Scientific Reports zu lesen.

Forscher an der Universität Bayreuth und am Europäischen Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten in Stockholm haben darauf hingewiesen, dass der Klimawandel insbesondere die Verbreitung des Chikungunya-Virus begünstigt. Hauptsächlich übertragen die Asiatische Tigermücke und die Gelbfiebermücke den Erreger.

Schon bald Tropen-Viren in Europa?

Prognose bei ungebremstem Klimawandel: In diesen Gebieten entwickeln sich günstige Bedingungen für Chikungunya-Übertragungen bis zum Jahr 2100.

© Nils Tjaden

Die Forscher legten ihrer Analyse zwei verschiedene Szenarien zu Grunde: Einmal prognostizierten sie eine moderate Erderwärmung (plus 2,6 Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit) und einmal einen ungebremsten Klimawandel (plus 4,8 Grad).

Bereits im ersten Szenario berechneten die Wissenschaftler zunehmend günstige Voraussetzungen für Chikungunya-Übertragungen. Bei der krasseren Erwärmungsprognose breitete sich das potenzielle Virus-Gebiet spürbar aus: Es könnte in diesem Fall bis in die Länder Südeuropas und in die USA vordringen.

Allerdings sei das Szenario mit der stärkeren Erderwärmung wohl näher an der Wirklichkeit: "Dieses Szenario ist insofern wahrscheinlicher, als bisher keine globalen Strategien erkennbar sind, die den Klimawandel nachhaltig abschwächen würden", erklärte Prof. Carl Beierkuhnlein vom Fachbereich Biogeografie der Uni Bayreuth.

Laut Aussicht könnte sich das Risiko für Chikungunya-Infektionen aber in Indien und an den Südrändern der Sahara sogar abschwächen: Die Lebensbedingungen für Stechmücken könnten hier ungünstig werden. (ajo)

Studiendesign

- Die Forscher analysierten die Daten von Gebieten, die seit langem hohe Infektionsraten mit dem Chikungunya-Virus aufweisen und ermittelten, welche Faktoren die dortigen Klimaverhältnisse bestimmen.

- Die Weltkarte, die das künftige Infektionsrisiko der jeweiligen Länder zeigt, basiert auf maschinellem Lernen, der sogenannten "Maximum-Entropie-Methode".

- Dieser Forschungsansatz wird im Natur- und Artenschutz angewendet, um Modelle für die Verbreitung von Tier- und Pflanzenarten zu entwickeln.

[23.06.2017, 00:38:45]
Horst Grünwoldt 
Tropische Mückenplage?
Wegen der nach wie vor wechselnden Winter- und Sommerzeiten dürfte die Etablierungs/Manifestierung von tropischen Stechmücken bei uns eher unwahrscheinlich sein.
Zur Verbreitung von Tropenkrankheiten über geflügelte, wärmeliebende Vektoren fehlt bei uns in D zumal eine Dichte an Infizierten, die schon das zu übertragende Agens im Blut beherbergen.
Die wenigen aus den Tropen Heimgekehrten mit einer circulierenden Malaria- oder Trypanosomen- Infektion dürften für eine seuchenhafte Verbreitung nicht ausreichen.
Das Gespenst des Klimawandels dürfte dafür aktuell und zukünftig noch nicht greifen, solange wir auf der Nord- und Südhalbkugel wechselnd in unseren geographischen Breiten -außerhalb der Tropenzone- gelegentlich Temperaturen von kleiner 15 Grad Celsius haben.
Das wird wohl die natürliche Zuwanderung/Immigration der wärmeliebenden Plagegeister bis auf weiteres fernhalten.
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt, Rostock  zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Bariatrische Chirurgie rückt Bluthochdruck zu Leibe

Adipöse Hypertoniker konnten in einer Studie nach bariatrischer Chirurgie ihre antihypertensive Medikation reduzieren. Die Hälfte erreichte sogar eine Remission des Bluthochdrucks. mehr »

Droht uns jetzt eine Staatskrise?

Jamaika gescheitert, politisches Vakuum in Berlin. Am Beispiel der Gesundheitspolitik lässt sich zeigen, warum das noch keine Krise ist. mehr »

Das müssen Ärzte beim Impfen beachten

Allergische Reaktionen sind eine Kontraindikation für eine erneute Anwendung des Impfstoffs. Ist eine weitere Impfung dennoch nötig, sollten Ärzte diese Tipps beherzigen. mehr »