Ärzte Zeitung online, 24.07.2018

Deutschland

Chikungunya-Virus könnte sich ausbreiten

In Asiatischen Tigermücken können sich auch bei relativ milden Temperaturen Chikungunya-Viren vermehren, wie das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin berichtet. Das erhöht die Gefahr einer Ausbreitung in Deutschland.

Chikungunya-Virus könnte sich ausbreiten

Auch in Deutschland kommt die Asiatische Tigermücke vor.

© Henrik Larsson / stock.adobe.com

HAMBURG. Im Hochsicherheits-Insektarium des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin (BNITM) durchgeführte Experimente haben ergeben, dass sich in der Asiatischen Tigermücke auch bei relativ milden Temperaturen von 18°C Chikungunya-Viren vermehren können.

Somit ist eine Ausbreitung des Virus auch in nicht-tropischen Regionen wie Deutschland denkbar, sollte die Tigermücke flächendeckend heimisch werden, berichten die Forscher um Dr. Anna Heitmann (Eurosurveillance 2018; 23(29):1800033).

Gewöhnlich benötigen tropische Krankheitserreger, wie Zika-, Dengue- oder auch West-Nil-Viren, sehr warme Temperaturen über mehrere Wochen, um sich in Stechmücken vermehren zu können. "Diese Bedingungen von durchschnittlich 25 bis 27 Grad finden wir hier in Deutschland in der Regel nicht vor.

Somit werden Krankheitsausbrüche hierzulande doppelt kontrolliert: Erstens über relativ niedrige Temperaturen und zweitens über das geringe Vorkommen entsprechender Überträger wie der Asiatischen Tigermücke Aedes albopictus", wird Professor Egbert Tannich, Leiter des Nationalen Referenzzentrums für Tropische Infektionserreger am BNITM, in einer Mitteilung des Instituts zitiert.

 

Eine Ausnahme bildet offenbar das Chikungunya-Virus: Behörden meldeten bereits Ausbrüche in europäischen Ländern mit wesentlich niedrigeren Temperaturen als in den Tropen; so zum Beispiel in Italien (2007, 2017) und Frankreich (2010, 2014, 2017), erinnert das BNTIM.

Daher führten die Wissenschaftler Stechmücken-Infektionsexperimente bei unterschiedlichen Temperaturen durch. In einem speziellen Hochsicherheitslabor (BSL3-Insektarium) fütterten sie Aedes albopictus-Stechmücken aus Deutschland und Italien mit Chikungunya-Virus-haltigem Blut und setzten die Tiere anschließend für zwei Wochen in Klimakammern mit Durchschnittstemperaturen von 18°C, 21°C oder 24°C.

In Mücken aus der deutschen Population habe sich das Virus auch bei einer Temperatur von 18°C sehr gut vermehren können, so das BNITM. Zwei Wochen nach Beginn der Experimente wiesen die Forscher in über 50 Prozent der Tiere infektiöse Viren im Speichel nach.

Im Gegensatz zu anderen tropischen Viren werde die Übertragung des Chikungunya-Virus somit weniger durch die Außentemperatur, sondern vor allem durch das Vorkommen der Überträgermücke bestimmt.

 

Aktuell sei die Gefahr einer Übertragung in Deutschland aber gering, da Tigermücken bislang nur lokal begrenzt und in geringer Zahl zu finden seien. Zudem müsse die Stechmücke erst einmal einen Menschen stechen, der Chikungunya-Viren im Blut aufweist, um selbst zum Überträger werden zu können.

Die Forscher des BNITM empfehlen jedoch eindringlich, für alle europäischen Länder mit etablierten Aedes albopictus-Populationen, ein entsprechendes System für die Stechmücken-Überwachung und Bekämpfung einzurichten.

Im vergangenen Jahr zählte das Robert Koch-Institut in Deutschland 27 Chikungunya-Infektionen (siehe nachfolgende Grafik) (eb/ths)

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