Ärzte Zeitung online, 29.12.2010

Ein Kind mit Mittelohrentzündung gehört immer zum Arzt!

Ein Kind mit Mittelohrentzündung gehört immer zum Arzt!

Bei Otitis immer zum Arzt - denn: Häufig und schwerwiegend sind Hörstörungen, die bereits nach Wochen zu einer Sprachentwicklungsstörung führen können.

© Lisa Eastman / fotolia.com

NEU-ISENBURG. Schlimme Schmerzen und mögliche Komplikationen erfordern eine rasche Therapie bei Otitis media. Immer noch werden dabei zu häufig Antibiotika verordnet, kritisiert die "Stiftung Kindergesundheit".

Von Lajos Schöne

Sechs Prozent aller Kinder beim Kinderarzt haben eine Mittelohrentzündung. Nach Angaben der "Stiftung Kindergesundheit" machen bis zum Ende des dritten Lebensjahres 75 Prozent aller Kinder eine akute Otitis media (AOM) durch, 30 Prozent sogar mehr als dreimal!

In manchen Familien kommen Mittelohrentzündungen besonders häufig vor, vermutlich als Folge besonderer anatomischer Verhältnisse im Ohr. Jungen haben häufiger Mittelohrentzündungen als Mädchen, Kinder mit Geschwistern häufiger als Einzelkinder, Stadtkinder eher als Landbewohner, Flaschenkinder etwas öfter als gestillte Babys.

"Kinder, die in Krippen, Tagesstätten oder Kindergärten betreut werden, haben ebenfalls ein höheres Ansteckungsrisiko", sagt Kinder- und Jugendarzt Professor Berthold Koletzko, Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit. Ein besonderes Risiko sind häufig auch die Eltern selbst: Babys, die passiv rauchen müssen, erkranken im Vergleich dreimal häufiger an einer Mittelohrentzündung.

Bei Babys und kleinen Kindern ist die Krankheit oft nicht auf Anhieb zu erkennen, weil sie bei ihnen häufig ohne Fieber auftritt. Betroffene wirken abgeschlagen und schlapp aber gleichzeitig auch unruhig und gereizt. Es leidet oft unter Bauchschmerzen und Durchfall. Den entscheidenden Hinweis auf die Krankheit liefert oft das Ohrenwetzen: Das Kind wackelt mit dem Kopf, reibt immer wieder am Ohr und liegt im Bett immer auf der kranken Seite. Bereits geringer Druck oder Zug am Ohr löst Schmerzensschreie aus.

Ein häufiges, schwer wiegendes Begleitsymptom der Mittelohrentzündung ist eine Hörminderung. Professor Koletzko: "Schon eine vier Wochen andauernde Schwerhörigkeit kann zu einer Sprachentwicklungsstörung führen."

Eine weitaus seltenere, aber schwere Komplikation ist die Mastoiditis. Die Häufigkeit liegt bei vier Fällen auf 100 000 AOM-Erkrankungen. Die Symptome sind länger andauerndes Fieber, Schmerzen bei Druck und Berührung, eine rötliche Schwellung hinter der Ohrmuschel. Die Entzündung kann eine Meningitis zur Folge haben. In diesem Fall ist eine Behandlung mit Antibiotika unumgänglich.

Eine Mittelohrentzündung ist der häufigste Grund für den Einsatz von Antibiotika bei Säuglingen und Kleinkindern. Ob und wann Antibiotika aber tatsächlich notwendig und sinnvoll sind, lässt sich häufig nicht eindeutig beantworten.

  • Zwischen viral oder bakteriell bedingten Entzündungen lässt sich nicht auf Anhieb unterscheiden.
  • Bei 80 Prozent der Kinder über zwei Jahre bilden sich die Beschwerden binnen zwei bis 14 Tagen auch ohne Antibiotikum zurück.
  • Die zu häufige Verordnung von Antibiotika erhöht die Gefahr, dass sich Resistenzen dagegen entwickeln.

Einen gewissen Schutz vor Mittelohrentzündung bietet der Pneumokokken-Impfstoff. Auch die Impfung gegen Influenza (sie wird bei Grunderkrankungen empfohlen) verringert die Häufigkeit von Mittelohrentzündungen. Keinen vollkommenen, jedoch einen gleich doppelten Schutz bietet das Stillen. Koletzko: "Die Muttermilch enthält eine Reihe von Abwehrstoffen und beim Saugen entsteht ein Drainage-Effekt im Ohr des Babys, was die Durchlüftung der Ohrtrompete erleichtert".

Gegen die Beschwerden und zur Senkung des Fiebers werden Analgetika wie Ibuprofen oder Paracetamol empfohlen. Von Ohrentropfen ist abzuraten. Stattdessen werden abschwellende Nasentropfen empfohlen, die die Durchlüftung des Mittelohrs verbessern. Betroffene sollten zudem reichlich Flüssigkeit erhalten.

Zur Schmerz-Linderung eignet sich Wärme etwa mit Wärmflasche, Wattepackung oder Rotlicht-Bestrahlung des Ohrs. Ein bewährtes Hausmittel ist die Zwiebel: Wird sie gequetscht, bilden sich schwefelhaltige Stoffe, die Viren und Bakterien bekämpfen und stark entzündungshemmend sind. Zwiebelsäckchen werden dabei auf das kranke Ohr gelegt.

Halten die Schmerzen trotz Antibiotika, abschwellender Nasentropfen, Fieber- und Schmerzmitteln an, bleibt manchmal nur die Parazentese mit einem feinen Messer oder mit dem Laser als Ausweg. So kann der Eiter aus dem Mittelohr abfließen, was die Ohrenschmerzen oft schlagartig behebt. Das verletzte Trommelfell verheilt innerhalb einiger Tage, das Hörvermögen normalisiert sich.

Sind Polypen die Ursache wiederholter Mittelohrentzündungen, wird zur Adenotomie geraten. Die Wucherungen erschweren vor allem nachts die Atmung durch die Nase. Die Entfernung der wuchernden Rachenmandeln gilt als eine besonders risikoarme Routineoperation.

Lajos Schöne ist Medizin-Journalist

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