Ärzte Zeitung, 05.12.2012

Akuter Husten

Röntgen bringt nicht viel

Patienten mit akutem Husten sollten laut den Leitlinien nur ausnahmsweise zum Thoraxröntgen geschickt werden. Kollegen haben jetzt ermittelt, warum.

Von Robert Bublak

husten-mann-A.jpg

Mit Husten nicht unbedingt zum Röntgen.

© Lisa F. Young / shutterstock

UTRECHT. Röntgen-Thoraxbilder bei akutem Husten bringen in der Regel nur wenig Überraschungen, hat eine Studie in europäischen Ländern nun bestätigt.

An der Untersuchung hatten sich mehr als 3000 erwachsene Patienten von 16 europäischen Hausarzt-Netzen beteiligt - darunter aus 60 Hausarztpraxen aus der Gegend um Rotenburg an der Wümme (Ann Fam Med 2012; 10: 510).

Alle Patienten litten unter akutem Husten und willigten ein, Thorax-Röntgenaufnahmen in zwei Ebenen anfertigen zu lassen. Ein klinischer Anlass dafür musste nicht bestehen.

Ziel der Untersuchung war es herauszufinden, wie häufig auf den Aufnahmen relevante Befunde zu erkennen sind - vor allem solche, die als Zufallsentdeckungen gelten müssen.

70 Prozent der Aufnahmen zeigten keinerlei Auffälligkeiten. Bei 8 Prozent der Patienten waren Zeichen einer akuten Bronchitis zu sehen, bei 5 Prozent lautete die radiologische Diagnose auf Pneumonie.

Bei 19 Prozent der Patienten gab es mindestens einen Zufallsbefund. Die weitaus meisten dieser Befunde waren nicht relevant (etwa Aortenkalk, degenerative Wirbelsäulenveränderungen oder Narben) oder nur möglicherweise relevant (etwa Frakturen, Pleuraflüssigkeit, Zeichen von Kardiomegalie und Lungenstauung, Hinweise auf Asthma oder COPD).

In 3,1 Prozent der Fälle beschrieben die Radiologen relevante Zufallsbefunde: verdächtige Knoten, Schatten oder Verdichtungen (1,8 Prozent); Aortendilatationen (0,1 Prozent); vergrößerte Hila oder erweitertes Mediastinum (1 Prozent); und Zeichen interstitieller Lungenerkrankungen (0,3 Prozent).

"Klinisch relevante radiologische Zufallsbefunde auf Thoraxaufnahmen von Erwachsenen mit akutem Husten sind eine Seltenheit", schreiben die Studienautoren, zu denen auch Professor Tom Schaberg, Chefarzt des Zentrums für Pneumologie des Diakoniekrankenhauses in Rotenburg gehört.

Mit ihren Studienergebnissen wollen die Forscher einen Beitrag dazu leisten, korrekt zu definieren, wann Allgemeinärzte Patienten mit akutem Husten zur Röntgendiagnostik überweisen sollten.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Röntgen meist verzichtbar

[05.12.2012, 10:08:54]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Bei Husten, feuchten RG's, abgeschwächtem AG und/oder Pleuritiszeichen Rö-Thorax 2 E erbeten!
Wie die Studienautoren in ihrer Einleitung richtig bemerken: Verantwortungsvolle Allgemeinärzte fordern Thorax-Röntgenbilder bei einer Minderheit der Patienten mit akutem Husten an ("Responsible general practitioners order chest radiographs in a minority of patients with acute cough"). Die gezielte, nach klinischem Befundverlauf indizierte Thorax-Röntgenaufnahme führt dann in 5-19 % zur radiologischen Pneumoniediagnose.

Umso erstaunlicher, dass die hier angewandte Studienmethodik völlig u n d i f e r e n z i e r t e s Röntgen bei a l l e n konsekutiven Patienten ab dem 18. Lebensjahr im Rahmen der Erstkonsultation bei bis zu 28 Tage langem akuten Husten als Hauptsymptom vorsah. ("Participating general practitioners recruited consecutive patients who were aged 18 years or older, complaining of acute cough (28 days or fewer duration) as the main symptom, and consulting their clinician for the first time for this illness episode).

Das ist vom Studiendesign her, gelinde gesagt, absurd. Denn es ist weltweit n i c h t leitliniengerecht, u n a b h ä n g i g von klinischen Befunden bei irgendwelchem Husten von irgendwelcher Dauer irgendwelche Röntgen-Diagnostik zu veranlassen. Es nimmt nicht Wunder, dass hierbei klinisch relevante Zufallsbefunde nur bei 3 % der Studienteilnehmer entdeckt wurden ("Of all participants 3% had clinically relevant incidental findings). Im offenen Widerspruch dazu wurde aber in knapp 5 % radiologisch eine Pneumonie diagnostiziert ("radiologists diagnosed pneumonia in 140 (5%) of patients"). Noch verwirrender ist die Aussage, dass i m m e r h i n bei 19 % von 2.823 Patienten Zufallsbefunde erhoben wurden, in Abhängigkeit von demografischen Daten ("19% of 2,823 patients sequentially consulting their general practitioner for acute cough had incidental findings on the chest radiograph. This percentage varied by network, sex, age, and smoking status").

Das exakte G e g e n t e i l des hier verwendeten Titels: "Akuter Husten - Röntgen bringt nicht viel" trifft demnach zu. Denn es sind erstaunlich v i e l e Auffälligkeiten durch Thorax-Röntgen detektiert, aber von den Studienautoren neben prekärem statistischen Datenmaterial n i c h t ausreichend interpretiert und diskutiert worden.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM z. Zt. Kaprun/A


 zum Beitrag »
[05.12.2012, 08:37:58]
Dr. Sabine Lehmann 
Bitte bei anhaltendem Husten auch an Tuberkulose denken!
Als Ärztin im Gesundheitsamt habe ich es öfters erlebt, dass ein hustender Patient über mehrere Wochen Ärzte konsultierte, bis meist ein Lungenfacharzt die fällige Röntgenaufnahme machte und eine mittlerweile offene Lungentuberkulose diagnostizierte.
Das muss nicht sein! Durch eine gute Anamneseerhebung kann schnell festgestellt werden, ob der Patient nicht schon seit mind. 3-4 Wochen hustet und evtl. weitere verdächtige Symptome aufweist, die dann doch Anlass zum Röntgen geben sollten. M.E. wird der chronische Husten zu oft allein auf Folgen des Rauchens zurückgeführt, was ja auch differentialdiagnostisch richtig ist. Manchmal sind dann noch eine Karzinophobie und/oder Radiophobie des Patienten zu überwinden!
Dr. Sabine Lehmann zum Beitrag »
[05.12.2012, 07:31:20]
Dr. Karlheinz Bayer 
die Mär vom objektiven Befund Röntgen

3000 Röntgenbilder ohne sinngebende Fragestellung?
Es ist ein Skandal!

Erstens, weil durech diese "Untersuchung" statistisch gesehen 1-3 Röntgenkrebse erzeugt worden sind.
Zweitens, weil ebenso statistisch gesehen,2-4 %, also 60-120 pathologische Befunde nicht gefunden und ebensoviele falsch pathologischen Befunde gefunden wurden.
Drittens, weil offensichtlich vor der Röntgenaufnahme keine ausreichende Befund- und Diagnoseerhebung stattfand.

3000 Röntgenbilder sind jedoch relativ wenige Fälle, wenn man bedenkt, daß allein soviele MRT jeden Montag nach Sportfesten und Fußballspielen in Deutschlkand durhcgeführt werden. Mit derselben laxen Indikationsstellung: gefunden habe ich zwar nichts (gesucht und untersucht in viellen Fällen auch nicht), also lasse ich mal ein MRT anfertugen, in der Hoffnung, daß vielleicht überraschend ein Ergebnis herauskommt.

Schlimm ist, daß diese überraschenden Ergebnisse dann plötzlich einen Krankheitswert bekommen.

Wir kennen das doch zur Genüge von den Bandscheibenschäden. Statt einen irgendwie gearteten Rückenschmerz nach dem Irgendwie zu untersuchen, bevor wir ein Röntgenbild veranlassen, bekommen wir in etwa jedem dritten Fall der erwachsenen Bevölkerung eine Vorwölbung einer oder mehrerer Bandscheiben als "objektives Röntgenergebnis".

Nicht im Beipackzettel steht, daß auch bei wahllos vom Marktplatz genommenen 100 Personen 30 solche Befunde aufweisen.

Insofern wäre die holländische Studie dann doch gerechtfertigt. Im Ergebnis könnte stehen, verzichtet in der ersten und zweiten Instanz aufs Röntgen und untersucht und befragt stattdessen sorgfältiger.

Dr.Karlheinz Bayer, Bad Peterstal

 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

In kleinen Schritten zum Normalgewicht

Manch eine Adipositas-Therapie scheitert daran, dass die geforderte große Gewichtsabnahme Betroffene abschreckt. Forscher plädieren nun dafür, die Stoffwechsel-gesunde Adipositas als erstes Therapieziel zu definieren. mehr »

Welche Reformen sind dringend notwendig?

Bürgerversicherung, Regressrisiko, GOÄ: Unsere Leser haben abgestimmt, welche Themen in der Gesundheitspolitik die nächste Bundesregierung unbedingt anpacken sollte. mehr »

Patienten sollen für Infos zahlen

Patienten und Angehörige sind bei beratungsintensiven Erkrankungen häufig hilflos. Viele Akteure versuchen, neutrale Angebote im Internet bereitzustellen. Ein Biologe will nun Beteiligte auf einer Plattform zusammenführen. mehr »