Ärzte Zeitung online, 02.02.2017
 

Schmerzmittel im Fokus

Erkältung + NSAR = dreifaches Herzinfarkt-Risiko?

Eine Erkältung verdoppelt das Herzinfarktrisiko. Werden Husten- und Schnupfensymptome mit NSAR bekämpft, steigt das Risiko um weitere 50 Prozent. Darauf deutet eine Analyse von Versicherungsdaten.

Von Thomas Müller

Erhöhtes Infarktrisiko für Schnupfennasen?

Infektionen sind auch eine Belastung fürs Herz.

© Piotr Marcinski / Fotolia

 TAIPEH. Eine kräftige Erkältung kann bei Patienten mit Herzerkrankungen offenbar einen Herzinfarkt triggern. In Studien war das Infarktrisiko während einer Atemwegsinfektion zwei- bis fünffach erhöht. Eine vor Kurzem veröffentlichte Metaanalyse verortet das Herzinfarktrisiko während Erkältungen eher beim Doppelten dessen, was ohne Infekte üblich ist, wobei die Infarktgefahr bei schweren, grippeähnlichen Verläufen am höchsten zu sein scheint.

Auf der anderen Seite können auch Medikamente, die bei Erkältungen und grippalen Infekten verordnet werden, das Infarktrisiko steigern. Vor allem den NSAR wird ein erhöhtes Infarktrisiko unterstellt. Es wäre also interessant zu wissen, ob primär Viren oder Bakterien bei einer Erkältung die Wahrscheinlichkeit für ein ischämisches Ereignis erhöhen oder die gegen die Symptome eingenommenen NSAR. Nach den Resultaten einer Datenbankanalyse aus Taiwan ist beides der Fall: Die Risiken scheinen sich zu addieren, wobei den Erregern der größere Anteil zufällt.

Erkältungen 2,6-fach häufiger

Für die Analyse haben Forscher um Dr. Yao-Chun Wen von der Universität in Taipeh Rezeptdaten und Diagnosen von fast 10.000 Patienten aus der nationalen Versicherungsdatenbank angeschaut, die zwischen 2007 und 2011 erstmals einen Herzinfarkt erlitten hatten (J Infect Dis, online 1. Februar 2017). Sie berücksichtigten nur solche, die in den beiden Jahren vor dem Infarkt nicht im Krankenhaus waren. Damit wollten sie Verzerrungen durch klinikbedingte NSAR-Verordnungen vermeiden. Nun schauten sie, wie häufig die Patienten in der Woche vor dem Infarkt von ihren Ärzten eine Atemwegsinfektion attestiert bekommen hatten, und welche NSAR-Dosis ihnen laut Rezeptdaten für diese Woche verordnet worden war. Dieselbe Analyse erfolgte für eine Sieben-Tages-Periode ein Jahr vor dem Infarkt.

Im Schnitt waren die Patienten beim Infarkt 72 Jahre alt, 61 Prozent waren Männer. 43 Prozent hatten einen Typ-2-Diabetes, ebenso viele eine Hypertonie. 1237 Patienten hatten in der Woche vor dem Infarkt einen Atemwegsinfekt, in der Kontrollwoche ein Jahr zuvor waren es nur 510. In der Woche vor dem Infarkt nahmen zudem 470 Erkältete ein NSAR, 176 waren es in der Kontrollwoche.

Berücksichtigten die Forscher um Wen Unterschiede bei den Komorbiditäten und sonstigen Medikamenten zwischen den beiden Perioden, dann waren die Patienten in der Infarktwoche 2,7-fach häufiger ohne NSAR erkältet als in der Kontrollwoche. Eine Atemwegsinfektion mit NSAR-Verordnung war in der Woche vor dem Infarkt 3,4-fach häufiger als im Sieben-Tages-Zeitraum ein Jahr zuvor zu beobachten, Atemwegserkrankungen und eine parenterale NSAR-Therapie wurden siebenfach häufiger in der Präinfarktwoche registriert.

50 Prozent mehr Infarkte unter NSAR

Über 1500 Patienten hatten in der Woche vor dem Infarkt ohne Erkältung NSAR bekommen, 1235 waren es in der Kontrollwoche. Daraus berechnete das Team um Wen ein 50 Prozent erhöhtes Risiko für Herzinfarkte unter NSAR.

Ein kausaler Bezug vorausgesetzt, würde eine Atemwegsinfektion nach diesen Daten das Herzinfarktrisiko etwas mehr als verdoppeln, eine NSAR-Therapie scheint es um die Hälfte zu steigern. Zusammen addieren sich die beiden Faktoren zu einem rund dreieinhalbfach erhöhten Risiko für Herzinfarkte unter Erkältungen mit NSAR-Einnahme.

Die Daten liegen damit im Einklang mit anderen Studien, die für NSAR und Atemwegsinfekte ähnliche Einzelrisiken eruiert hatten, schreiben die Studienautoren. Es ist aber zu berücksichtigen, dass in ihrer Analyse Infekte und NSAR-Gebrauch nur indirekt erfasst wurden. Viele Patienten hatten vermutlich Erkältungen, die nicht zum Arztbesuch führten.

Welche Menge NSAR die Patienten ohne Rezept erwarben, ist ebenfalls nicht bekannt. So dürfte ein großes Fragezeichen hinter dem tatsächlichen NSAR-Konsum in den beiden untersuchten Zeiträumen stehen. Auch der fehlende Dosiszusammenhang steigert nicht die Zuversicht in einen kausalen Zusammenhang. Vielleicht waren es schlicht die am schwersten Erkälteten, die NSAR erhalten hatten. In diesem Fall wäre es vielleicht doch eher die Erkältung und weniger der NSAR-Konsum, der die Infarktgefahr erhöht.

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