Ärzte Zeitung, 20.07.2007

Sommerakademie 2007

Jeder 20. Insult bei Menschen unter 45

Ursachen: Blutungen, Embolien, Dissektionen und Migräne / 10 000 Patienten jährlich

So selten, wie viele meinen, sind Schlaganfälle bei jungen Menschen nicht. Und: Anders als bei alten Menschen sind die meisten Hirninfarkte bei Jüngeren zumindest im Prinzip verhinderbar. So können Kollegen Migräne-Patienten raten, zusätzliche Risikofaktoren wie orale Kontrazeptiva oder Zigaretten zu vermeiden.

Jeder siebte bis achte Schlaganfall bei jungen Menschen betrifft Migräne-Patienten. Foto: IFA-Bilderteam-Photex

"Es stimmt zwar, dass nur drei bis fünf Prozent aller Schlaganfälle bei Menschen unter 45 Jahren auftreten", sagt Professor Arno Villringer von der Charité Berlin. Da 200 000 Menschen in Deutschland Jahr für Jahr einen Schlaganfall bekommen, ergibt das 10 000 junge Schlaganfall-Patienten pro Jahr. Zum Vergleich: In Deutschland gibt es etwa 2500 HIV-Neuinfektionen pro Jahr.

Bei unter 45-Jährigen sei noch immer bei fast jedem vierten ischämischen Hirninfarkt nicht herauszubekommen, was zu dem Ereignis geführt hat, so Villringer. Grundsätzlich gilt: Eine TIA muss auch bei jungen Leuten ernst genommen werden. Und zu einer TIA-Diagnostik bei jungen Patienten gehört in erster Linie auch eine Ultraschall-Untersuchung des Herzens und eine Doppleruntersuchung der Halsschlagadern.

Zu den wichtigsten Schlaganfall-Ursachen bei jüngeren Menschen kann auch Villringer nur grobe Anhaltspunkte geben. Bekannt ist, dass 30 bis 50 Prozent aller Schlaganfälle bei unter 45-Jährigen durch Blutungen bedingt sind, häufig aufgrund von Blutgefäß-Anomalien. Schwieriger wird es bei den anderen 50 Prozent - den ischämischen Schlaganfällen. Fest steht nur: Atherosklerotisch bedingte Gefäßverschlüsse haben hier so gut wie keine Bedeutung.

Drei Ursachen ischämischer Apoplexie bei jungen Menschen sind nach Villringers Angaben besonders wichtig: Jedem vierten Schlaganfall dürfte eine Embolie zu Grunde liegen, die etwa von einer Thrombose im venösen Gefäßsystem ausgeht. Sie wird dann über ein offenes Foramen ovale in den großen Kreislauf befördert. Ein weiteres Fünftel, schätzt der Experte, sind zervikale arterielle Dissektionen - was kaum bekannt ist. Folge: großflächige Hirninfarkte.

Die dritte große Gruppe - auch das ist wenig bekannt - sind Schlaganfälle bei Migräne-Patienten. Jeder siebte bis achte Schlaganfall bei Jüngeren gehöre in diese Kategorie. Die Ursache ist unklar. "Doch das Apoplexie-Risiko ist etwa doppelt so hoch wie bei Menschen ohne Migräne. Werden zudem orale Kontrazeptiva genommen, ist es achtmal so hoch", betont Villringer. (gvg)

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