Ärzte Zeitung, 27.10.2014
 

Ebola

Hoffnung im Blut von Überlebenden

Virologen sehen eine Chance im Kampf gegen Ebola: Seren von Überlebenden könnten den Infizierten helfen - das zeigen vier Beispiele. Doch es gibt ein großes Problem.

Von Beate Schumacher und Angela Speth

Hoffnung im Blut von Überlebenden

Blutplasma könnte Experten zufolge den Ebola-Infizierten helfen.

© Holger Hollemann / dpa / lni

MARBURG. Nach sieben bis zehn Tagen beginnen Ebola-Infizierte, Antikörper gegen das Virus zu bilden. Wenn sie Glück haben, handelt es sich um neutralisierende Antikörper gegen Oberflächenproteine des Virus.

Solche Antikörper können, im Zusammenspiel mit der zellulären Immunreaktion, Leben retten - das eigene und möglicherweise auch das anderer Erkrankter. Das Serum von Rekonvaleszenten lässt sich nämlich zur Therapie von Ebola-Patienten einsetzen.

Gründe für Optimismus

Der Weg des Ebola-Virus in Westafrika

Die Ebola-Epidemie in Westafrika sorgt für Tausende infizierte Menschen - und Tausende Tote. Der Ausbruch geht auf ein zweijähriges Mädchen zurück. Zur Chronologie des Ausbruchs.

Während der aktuellen Epidemie sind in den USA und Europa vier Patienten mit solchen Immunseren behandelt worden: zwei US-Amerikaner, ein Patient in London und die spanische Krankenschwester. Alle vier haben die Krankheit überstanden.

"Von daher wissen wir, dass es eine gewisse Wahrscheinlichkeit gibt, dass die Seren wirken", so Dr. Markus Eickmann, Leiter des BSL4-Labors des Instituts für Virologie der Universität Marburg.

Ein Beweis durch klinische Studien fehlt zwar noch. "Aber das Wirkprinzip von Immunseren ist seit 100 Jahren bekannt", erinnerte Eickmann im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Zumindest in Analogie zu den Antikörperseren etwa gegen Diphtherie und Tollwut könne man auf seine Wirksamkeit schließen. Seren von Ebola-rekonvaleszenten Artgenossen seien außerdem in Affenversuchen erfolgreich getestet worden.

Als Serenspender kommen laut WHO Ebola-Patienten infrage, die seit 28 Tagen symptomfrei sind. Um die Patienten nach ihrer Erkrankung nicht weiter zu schwächen, wird das Plasma bevorzugt per Apherese gewonnen.

Vor der Plasma- oder auch Blutspende muss ausgeschlossen werden, dass sie an anderen Infektionen leiden; insbesondere Malaria, HCV, HIV und HBV sind in Westafrika weit verbreitet.

Serienproduktion in weiter Ferne

Dennoch ist die Gewinnung von Seren in größerem Maßstab noch eine Zukunftsoption. Zwar habe die WHO dieses Thema auf ihre Agenda gesetzt, berichtete Professor Stephan Becker, Direktor des Instituts für Virologie in Marburg, auf Anfrage.

Auch pharmazeutische Unternehmen, die sich für die Herstellung von Ebola-Immunseren interessieren, stünden bereit. Doch bevor sie in Aktion treten können, müssten Sicherheit, Dosierung und Schutzeffekt in kontrollierten Studien untersucht sein.

Speziell in Afrika bestehe außerdem das Problem, die Übertragung verbreiteter Infektionskrankheiten wie Malaria, Hepatitis oder HIV durch gespendete Seren zu vermeiden.

Heilversuche werden zurzeit nur bei Ebola-Infizierten unternommen, die bereits erkrankt sind. Eickmann zufolge wäre eine frühere Therapie sinnvoll, "um das Virus abzufangen, solange die Viruslast noch gering ist - so wie man das von der passiven Impfung bei Tollwut kennt".

Unklar sei, ob eine Therapie bei weit fortgeschrittener Erkrankung zusätzlichen Schaden anrichten könne. Im späten Stadium der Ebola-Infektion kommt es zu einem "Zytokin-Sturm", letztlich ist es nicht das Virus, sondern das entgleiste Immunsystem, das die Kranken tötet.

ZMapp™ nicht lieferbar

Das ebenfalls in der aktuellen Epidemie eingesetzte Medikament ZMapp™ stellt eine Weiterentwicklung der Immunseren dar.

Es handelt sich um eine Mischung von humanisierten Antikörpern aus der Maus, die sich gegen die Oberflächenproteine des Ebola-Virus richten und in Tabakpflanzen produziert werden. Momentan ist ZMapp™ jedoch nicht lieferbar.

"Seren von Überlebenden sind aktuell das einzige, was uns therapeutisch gegen Ebola zur Verfügung steht", so Eickmann. Einen generellen Nachteil gegenüber rekombinanten Antikörpern erkennt der Virologe nicht: Plasmaprodukte würden in der Medizin vielfach eingesetzt.

Einen Vorteil der Seren sieht er darin, dass es "in Westafrika immer mehr Überlebende gibt, die als potenzielle Spender infrage kommen". Dass Ebola-Überlebende anderen Erkrankten in Westafrika helfen können, hält der Experte auch psychologisch für hilfreich.

Von einer russischen Firma wird ein Pferdeserum gegen Ebola angeboten. "Davon ist aber keiner so richtig überzeugt", sagte Eickmann. Da Pferde nicht erkranken, ist fraglich, ob sie schützende Antikörper entwickeln.

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