Ärzte Zeitung online, 21.07.2017
 

Impflücken und teure Pillen

Hepatitis-Bekämpfung mit Hindernissen

Leberentzündungen sind für ihre oftmals schleichenden Verläufe bekannt. Teils leiden Betroffene über Jahre unbemerkt. Aber das ist nicht immer so, wie ein aktueller Ausbruch in Berlin zeigt.

Hepatitis-Bekämpfung mit Hindernissen

Hepatitis-Viren: Ein Hepatitis-Ausbruch in Berlin beschäftigt Mediziner.

© bluebay2014 / stock.adobe.com

BERLIN. "Achtung! Hepatitis-A-Ausbruch in Berlin. Klick hier und schütze dich." Neben Hotel- und Bierwerbung blinkt auf der Webseite des Christopher Street Day auch eine Anzeige des Landesamts für Gesundheit und Soziales (Lageso). Denn seit November 2016 beobachten Experten in der Hauptstadt immer neue Fälle der Leberentzündung.

Sie geht ausschließlich mit akuten Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen, Oberbauchschmerzen sowie einer Gelbfärbung von Haut und Augen einher – und bedeutete bislang in etwa jedem dritten Fall einen Aufenthalt im Krankenhaus. Die Infektion heilt in vielen Fällen von selbst aus.

Betroffen sind vor allem Männer, ein Großteil gibt an, schwul zu sein. Von den bundesweit rund 550 gemeldeten Infektionen mit Hepatitis A in diesem Jahr stammen gut 100 aus Berlin. Einzelne Fälle wurden auch aus anderen deutschen Großstädten wie Köln und München berichtet, heißt es beim Robert Koch-Institut (RKI).

Die Hauptstadt jedoch erlebt eine Häufung von Fällen wie noch nie binnen kurzer Zeit. Üblicherweise wird das Virus in Deutschland eher bei Kindern und in Einzelfällen beobachtet, am häufigsten verbunden mit Reisen in betroffene Gebiete.

RKI mahnt Impfungen an

Vor dem Welt-Hepatitis-Tag am 28. Juli warnt RKI-Expertin Ruth Zimmermann: "Die Bevölkerung ist nicht so gut geimpft, wie sie sein könnte, sein sollte." Impfungen gibt es gegen die Virustypen A und B. Erstere wird vor allem Fernreisenden empfohlen, Letztere seit 1995 allen Säuglingen und Kleinkindern.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO strebt die Eindämmung von Hepatitis bis 2030 an. Zimmermann und ihre Kollegin Sandra Dudareva-Vizule, die sich am RKI mit dem Thema befassen, sehen Deutschland noch vor einigen Anstrengungen, um Neuinfektionen, chronische Verläufe und damit die Weiterverbreitung einzugrenzen. Hauptaugenmerk legen die Expertinnen auf Hepatitis B und C.

Doch bei Neudiagnosen handelt es sich nur bedingt um neue Erkrankungen. Bei Hepatitis C etwa würden jedes Jahr noch Fälle von Menschen gemeldet, die sich vor 1992 durch Blutprodukte wie Transfusionen nach OPs infizierten, sagt Ruth Zimmermann. "Weil die Infektion so lange schleichend verläuft und nicht besonders typische Symptome hat, wird sie manchmal erst Jahre oder Jahrzehnte später erkannt."

Neben Abgeschlagenheit und Leistungsminderung könnten das auch psychische Symptome wie Depressionen sein. Typische Anzeichen wie Gelbsucht gebe es teils erst bei stärkeren Leberschäden.

Mangelnde Aufmerksamkeit der Hausärzte?

Seit 1992 werden Blutprodukte auf Hepatitis-Viren getestet, seitdem sei der Übertragungsweg nicht mehr relevant, so die Expertin. Noch immer sei die Aufmerksamkeit bei Allgemeinmedizinern und Hausärzten für Hepatitiserkrankungen aber "nicht sehr ausgeprägt".

Dabei haben sich die Behandlungsmöglichkeiten insbesondere bei Hepatitis C verbessert. Dieser Typ sei inzwischen "in fast allen Fällen" therapierbar, sagt Zimmermann.

Die Organisation Ärzte der Welt kritisiert jedoch die Preisgestaltung eines der Mittel gegen Hepatitis C: Eine dreimonatige Behandlung damit kostet offiziell rund 60 000 Euro. Eine Sprecherin sagte über erste Erfahrungen, die Therapie werde noch nicht in allen Fällen von den Kassen übernommen.

Zumindest Einzelfälle seien bekannt, in denen Ärzte daher vor der Verschreibung zurückschreckten. Um die Zugänglichkeit des Wirkstoffs in Europa zu beschleunigen, fechten mehrere Organisationen das Patent auf den Wirkstoff an. Sie hoffen auf günstigere Generika.

Problemfeld: Hepatitis B

Weniger gut als bei Hepatitis C sind die Prognosen bei Hepatitis B: Diese gilt als Diagnose fürs Leben, wenn die Infektion chronisch wird, wie Sandra Dudareva-Vizule sagt. Mit Blick auf die vorhandene Impfung betont sie: "Die Infektionen müsste es eigentlich gar nicht geben." Bei der Schuleingangsuntersuchung seien 88 Prozent der Kinder geimpft – noch zu wenig.

Zumindest der Berliner Hepatitis-A-Ausbruch schlägt sich in Zahlen nieder: In den ersten beiden Quartalen 2017 sei etwa doppelt so häufig geimpft worden wie in früheren Jahren, sagte Dudareva-Vizule. Da in der Szene die Saison der Partys und Großveranstaltungen im Gange ist, wird noch nicht mit einem Abklingen der Welle gerechnet. (dpa)

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