Ärzte Zeitung online, 14.09.2009

Impfexpertin: Frühzeitige Impfung von Säuglingen ist sinnvoll

BERLIN (eb). Neue Erkenntnisse zeigen, dass das Immunsystem von Kindern im Prinzip von der Geburt an in der Lage ist, auf eine Welt voller Antigene adäquat zu reagieren. Und je früher ein wirksamer Impfschutz aufgebaut werden kann, desto geringer ist das Risiko der Kinder, durch eine potenziell gefährliche Infektionskrankheit Schaden zu erleiden.

Darauf wies die Impfexpertin Professor Claire-Anne Siegrist in Berlin hin. Viele Eltern würden die Impfung ihres Säuglings gern in ein höheres Lebensalter verschieben. Sie fürchten, dass das noch unreife Immunsystem des Kindes noch zu schwach und von der Impfung überfordert sein könnte.

Kinderärzte dagegen bestehen auf einer möglichst frühzeitigen Impfung, insbesondere gegen die gefährlichsten Keime in diesem Alter, die beispielsweise Hirnhautentzündung oder Krupp-Husten hervorrufen. Bei diesen Erkrankungen kann es zu bleibenden Schäden oder gar Todesfällen kommen.

Während der ersten drei Monate sind die Säuglinge noch durch Antikörper geschützt, die aus dem Blut der Mutter stammen. Danach entsteht jedoch eine Lücke, die etwa bis zum 24. Lebensmonat reicht, in der sich das eigene Immunsystem erst voll entwickeln muss und der Kinder besonders anfällig für Infektionen sind. Für diesen Zeitraum ist der Aufbau eines wirksamen Schutzes durch Impfungen von spezieller Bedeutung, so Siegrist beim zweiten "European Congress of Immunologie" (ECI). Der Kongress findet noch bis zum 16. September statt.

Neue Erkenntnisse zeigen, dass das Immunsystem von Neugeborenen bereits gut genug ausgestattet ist, um überschießende entzündliche Immunantworten zu vermeiden und adäquat auf die spezifische Stimulation durch eine Impfung zu reagieren. Demnach entwickeln Säuglinge auch bei Vorhandensein mütterlicher Antikörper eigene zelluläre Immunantworten, die zum Schutz beitragen und nichts mit dem von der Mutter "geliehenen" Schutz zu tun haben.

"Zwar sind die Antikörperantworten als wichtigster Träger des Impfschutzes bei sehr jungen Kindern noch schwächer als später im Leben", so Siegrist in einer Mitteilung der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. "Diese Einschränkung kann jedoch durch entsprechende Anpassung von Impfstoff-Formel und -Dosis überwunden werden."

Einmal etabliert, ermöglicht das Immungedächtnis auch sehr jungen Säuglingen eine schnelle und wirksame Abwehr von aggressiven Mikroben. Impfungen gegen die spezifischen Gefahren in diesem Alter sollten daher so früh wie möglich verabreicht werden.

Siegrist Direktorin des "Center for Vaccinology and Neonatal Immunology an der Universität Genf".

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