Ärzte Zeitung, 12.04.2010

Experten: Reaktionen auf Schweinegrippe nicht überzogen

Experten: Reaktionen auf Schweinegrippe nicht überzogen

WIEN (dpa). Keine "Panikmache": Der Umgang mit der Schweinegrippe war nach Ansicht von Experten rückblickend nicht überzogen. Man habe zum Zeitpunkt des Ausbruchs im Frühjahr 2009 nicht sagen können, wie sich das Virus H1N1 entwickelt, erklärten Wissenschaftler zum Auftakt des europäischen Kongresses für klinische Mikrobiologie und Infektionskrankheiten (ECCMID) am Samstag in Wien. Zu dem bis Dienstag dauernden Treffen waren 8000 Teilnehmer nach Wien gereist.

Es sei gefährlich, die Grippewelle rückblickend als "kümmerlich" abzutun, sagte der Virologe und Mitentdecker der Vogelgrippe bei Menschen, Albert Osterhaus. Zwar sei die Krankheit insgesamt milde verlaufen, habe aber bei bestimmten Altersgruppen wie jungen Menschen eine überraschend hohe Sterblichkeitsrate gehabt. Im Umgang mit Grippe-Pandemien, die völlig unberechenbar seien, gebe es keinerlei Raum für Gleichgültigkeit: "Öffentliche Gesundheitseinrichtungen müssen sich auf das Schlimmste vorbereiten und auf das Beste hoffen." Das H1N1-Virus hätte sich genauso wie die Spanische Grippe entwickeln können, der im Jahr 1918 weltweit mehr als 20 Millionen Menschen zum Opfer fielen.

Man habe vom Umgang mit H1N1 viel gelernt und auch einige Schwachpunkte aufdecken können, so Osterhaus. Hauptkritikpunkt der Forscher: Die weltweit völlig ungleiche Verteilung von Impfstoffen. "Manche Länder hätten jeden ihrer Einwohner doppelt impfen können während andere gar nichts zur Verfügung hatten", sagte Osterhaus. Allein in der EU habe es 27 verschiedene nationale Wege gegeben, mit der Bedrohung umzugehen - dies müsse künftig vereinheitlicht werden.

Generell halten die Experten die Kritik an Impfherstellern, zu schnell zu viele Seren produziert zu haben, für unzutreffend. Auch die Impfung bestimmter Risikogruppen wie Klinikpersonal sei richtig gewesen. "Wer weiß, wie viele Leben wir damit gerettet haben", sagte Osterhaus. Nach Schätzungen sind inzwischen 300 Millionen Menschen gegen H1N1 immunisiert, die befürchteten Nebenwirkungen seien so gut wie nicht eingetroffen.

Auch ein Komitee der Weltgesundheitsorganisation WHO will in der kommenden Woche globalen Umgang mit der Schweinegrippe evaluieren. Der neue Grippeerreger H1N1 war im Frühjahr vergangenen Jahres erstmals in Mexiko aufgetreten und hatte sich dann schnell in der ganzen Welt ausgebreitet. Offizielle Stellen verzeichnen bisher mindestens 17 500 Tote, die Zahl liegt aber weit unter ersten Befürchtungen. Millionen für den Ernstfall produzierte Impfdosen blieben ungenutzt.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

So hoch ist die Lebenserwartung in der Welt

Wer als Junge in Deutschland geboren wird, darf sich im Schnitt auf 78 Jahre freuen. Wie hoch ist die Lebenserwartung in anderen Ländern der Welt? Wir geben die Antwort. mehr »

Der Gesundheitsminister will das E-Rezept

Krankenkassen, Ärzte und Apothekerschaft sollen in ihren Rahmenverträgen das elektronische Rezept ermöglichen. Eine gesetzliche Verpflichtung soll bis 2020 stehen. mehr »

Diabetes-Strategie zum Greifen nah

Der gezielte Kampf gegen Diabetes könnte schon bald konkrete Formen annehmen. Zum heutigen Welt-Diabetestag zeichnet sich zwischen Union und SPD ein Kompromiss für eine nationale Diabetes-Strategie ab. mehr »