Ärzte Zeitung online, 26.04.2010

Schon 219 Masern-Infektionen - Elimination ist gescheitert

BERLIN (eb). In Deutschland erkrankten in den ersten 15 Wochen des Jahres 2010 bereits 219 Personen an Masern, von denen 35 im Krankenhaus behandelt werden mussten. Damit ist das Ziel, 2010 die Masern in Deutschland zu eliminieren, bereits gescheitert.

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Hautausschlag bei Masern am ganzen Körper. © Prof. Dr. Dr. F.C. Sitzmann, Homburg/Saar

Deutschland hatte sich gegenüber der WHO dazu verpflichtet, die Masern bis zum Jahr 2010 zu eliminieren. Um das Ziel zu erreichen, dürfen höchstens 84 Masern-Erkrankungen jährlich in Deutschland auftreten. Diese Zahl ist bereits bei weitem überschritten.

Die neuen Zahlen "erinnert daran, dass Masern keine harmlose Kinderkrankheit sind und die Schutzmöglichkeit durch die Impfung genutzt werden sollte", sagt Reinhard Burger, Vizepräsident des Robert Koch-Instituts, anlässlich der Europäischen Impfwoche.

Die Ständige Impfkommission empfiehlt zwei Masernimpfungen im zweiten Lebensjahr und fordert generell dazu auf, Impfungen vor dem 18. Geburtstag nachzuholen, wenn sie nicht zum empfohlenen Zeitpunkt durchgeführt werden konnten.

Die meisten Erkrankungsfälle in diesem Jahr wurden bisher aus Nordrhein-Westfalen und Berlin übermittelt und sind hauptsächlich auf Ausbrüche in Schulen und nachfolgend Ansteckungen von Geschwisterkindern und anderen Haushaltskontakten der Schüler zurückzuführen.

Zu dem Berliner Ausbruch ist im aktuellen Epidemiologischen Bulletin (Ausgabe 16/2010) ein Beitrag erschienen. Von einem Masernausbruch in Hamburg führte im vergangenen Jahr eine Infektkette nach Bulgarien, wo seitdem mehr als 14 000 Personen an Masern erkrankten und 18 Patienten starben.

In diesem Jahr wurden bereits Infektionen in andere europäische Staaten sowie auch zurück nach Deutschland "exportiert". Solche Infektketten können durch molekularbiologische Analysen belegt werden, wie sie insbesondere im Nationalen Referenzzentrum für Masern durchgeführt werden, das am RKI angesiedelt ist.

Der schwerste Masernausbruch in der jüngeren Vergangenheit fand 2006 in Nordrhein-Westfalen statt. Damals erkrankten rund 1 700 Personen, 15 Prozent mussten ins Krankenhaus. Zwei Kinder starben, eines davon hatte sich als Säugling infiziert, ein weiteres konnte wegen eines Immundefektes nicht geimpft werden. Beide starben an Masernkomplikationen mit Hirnbeteiligung (MIBE).

Ende 2009 wurde bekannt, dass ein Kind, das sich als Säugling 2006 in NRW angesteckt hatte, an einer anderen Komplikation mit Hirnbeteiligung (SSPE) erkrankt ist, die immer tödlich endet. Säuglinge und Patienten mit Immundefekten können nicht gegen Masern geimpft werden. Diese Fälle machen deutlich, dass man mit einer Impfung auch die Menschen in seiner Umgebung schützt.

Da Masernviren nur bei Menschen vorkommen, ließe sich die Erkrankung durch eine ausreichende Impfquote ausrotten. Dafür wäre eine Impfrate von 95 Prozent für beide Impfungen nötig.

Zur Europäischen Impfwoche veröffentlichte das RKI die Impfquoten bei Schulanfängern. Spitzenreiter bei der zweiten Masernimpfung sind mit 94 % Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen, das schwächste Bundesland liegt hier bei knapp 85 Prozent.

Die Impfquoten sind in den vergangenen Jahren praktisch in allen Bundesländern für alle Schutzimpfungen kontinuierlich gestiegen oder auf hohem Niveau konstant geblieben. "Das zeigt nicht nur die hohe Impfbereitschaft bei Eltern und Ärzten, sondern auch das große Engagement des öffentlichen Gesundheitsdienstes bei der Förderung des Impfgedankens, das weiter aufrechterhalten und ausgebaut werden muss", meint Burger.

Stichwort Europäische Impfwoche

Die Europäische Impfwoche findet zum fünften Mal statt, sie wurde vom Regionalbüro Europa der Weltgesundheitsorganisation initiiert. Die Impfwoche ist in diesem Jahr am 24. April gestartet und läuft bis zum 1. Mai. Zu diesem Anlass hat das RKI auch Video-Spots zum Impfen produziert und auf seinen Impfseiten bereitgestellt.

Weitere Informationen:

Des RKI: www.rki.de/impfen

Zur Europäischen Impfwoche: www.euro.who.int/EIW

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