Ärzte Zeitung online, 18.06.2010

Scheitert Polio-Eradikation am Geld?

WHO benötigt für kommende drei Jahre 2,1 Milliarden Euro

GENF (dpa). Der Kampf gegen die Kinderlähmung hat einen kritischen Punkt erreicht. In vielen Ländern Afrikas wurden die Polioviren laut Weltgesundheitsorganisation WHO vor kurzem ausgerottet, und auch Indien meldet drastische Erfolge. Doch nun fehlt rund eine Milliarde Euro, um die Krankheit endgültig von der Erde verschwinden zu lassen.

"Die nächsten drei Jahre, und insbesondere die kommenden zwölf Monate, sind für die Polio-Ausrottungsinitiative und darüber hinaus für die Programme zur internationalen Gesundheit besonders kritisch", sagte WHO-Generaldirektorin Margaret Chan am Freitag in Genf. Sie appellierte an die Weltgemeinschaft, Geld für die 2,6 Milliarden Dollar (2,1 Milliarden Euro) teure Anti-Polio-Kampagne für die nächsten drei Jahre zu geben.

Bislang verzeichnete die WHO im Kampf gegen Polio große Erfolge, aber auch einige Rückschläge: Polioviren wurden zwar in 99 Prozent aller betroffenen Länder ausgerottet, aber beispielsweise nicht in Afghanistan und Pakistan. In Nigeria ging die Zahl der Neuerkrankungen von 312 im Sommer vergangenen Jahres auf jetzt drei zurück. Auch im Norden Indiens gibt es deutliche Fortschritte. Nun wurden aber auch neue Ausbrüche bekannt, etwa in Russland.

Noch 1988 wurden jedes Jahr etwa 350 000 Kinder in mehr als 125 Ländern angesteckt. Im Jahr 2009 waren es noch 1595 Kinder in 24 Ländern. Anfang Juni starb in Russland ein 26 Jahre alter Mann an Kinderlähmung. Aus der an Usbekistan grenzenden Republik Tadschikistan war im April eine Polioepidemie gemeldet worden. In Tadschikistan sind bislang zwei Menschen an Polio gestorben.

In Deutschland leben rund 60 000 Menschen, die vor Jahrzehnten an Kinderlähmung erkrankt sind. Nach groß angelegten Schluckimpfungen erklärte die Weltgesundheitsorganisation 2002 Europa für poliofrei. Die WHO hat aber immer wieder darauf hingewiesen, dass die oft Hirnschäden und dauerhafte Lähmungen verursachende Erkrankung jederzeit wieder eingeschleppt werden kann.

Um der Krankheit völlig Herr zu werden, wurden in den vergangenen zwei Jahren neue Verfahren und Produkte entwickelt, darunter auch ein neuer Impfstoff. Nun hoffen die Kampagnen-Partner - neben der WHO auch das Kinderhilfswerk UNICEF sowie staatliche und private Geldgeber - auf weitere finanzielle Unterstützung.

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