Ärzte Zeitung online, 03.08.2010

Auch Schwangere gegen Grippe impfen

Erstmals rät die Ständige Impfkommission (STIKO), Schwangere gegen Influenza zu impfen. Der Grund sind erhöhte Komplikationsrisiken durch eine Infektion mit Grippeviren während der Schwangerschaft.

Von Michael Hubert

Auch Schwangere gegen Grippe impfen

An die Grippeimpfung denken: Schwangere Frauen können unter Umständen empfänglicher für das Influenzavirus sein.

© Gina Sanders / fotolia.com

BERLIN. Nicht erst seit der Schweinegrippe ist dieses erhöhte Komplikationsrisiko bekannt. Durch eine Schwangerschaft gibt es physiologische und immunologische Veränderungen, erinnert das Robert Koch-Institut auf seiner Homepage. Dadurch können schwangere Frauen empfänglicher für virale Erreger wie das Influenzavirus werden. Eine Impfempfehlung, wie es sie in anderen Ländern - etwa den USA - schon länger gibt, ist da nur die logische Konsequenz.

Allerdings bleibt abzuwarten, wie sich diese STIKO-Empfehlung in der Praxis bewährt. Gerade die Debatte um die Impfung Schwangerer gegen das pandemische H1N1-Virus im vergangenen Jahr stimmt da wenig hoffnungsfroh. Im Online-Impfforum der "Ärzte Zeitung" wurde etwa der Impfexperte Privatdozent Tomas Jelinek hart angegangen, als er einer schwangeren Kollegin riet, sich mit Pandemrix® impfen zu lassen. Die Kollegin arbeitete zu dem Zeitpunkt noch in der Klinik, war also einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt, die Indikation zur Impfung war damit gegeben.

Zur verbreiteten Skepsis hinzu kommen kommunikative Faktoren. Zwar ist wissenschaftlich unstrittig, dass Impfungen mit Totimpfstoffen für Schwangere keine Risiken bergen. Das betont auch noch einmal das RKI in Bezug auf die Grippeimpfung. Dennoch gibt es eine natürliche Fehlbildungsrate bei Neugeborenen. Die Frage "wer ist schuld?" könnte daher schnell mit "die Impfung" beantwortet werden. Hier sollten den impfenden Ärzten valide Daten an die Hand gegeben werden, mit denen die vorhandene Skepsis zu mindest gemindert werden kann.

Hilfreich wäre zudem eine erweiterte Impfempfehlung gewesen, die die genannten Probleme zumindest teilweise hätte umgehen können. Nämlich die Empfehlung der Influenzaimpfung für Frauen mit Kinderwunsch. Mögliche finanzielle Risiken, dass auch Frauen ohne Kinderwunsch so zu einer Grippeimpfung auf GKV-Kosten kommen könnten, wären sicher nur minimal.

Die USA sind da bereits einen Schritt weiter. Hier wurde die letzte Lücke in den Empfehlungen zur Grippeimpfung geschlossen. Nun sollen auch Erwachsene zwischen 19 und 49 Jahren geimpft werden, die keine sonstigen Gesundheitsrisiken haben und nicht schwanger sind (MMWR 2010; 59: 1). Diese Gruppe macht nach Angaben der Centers for Disease Control and Prevention etwa 15 Prozent der US-Bevölkerung aus. Ab sofort gilt die Empfehlung zur Grippeimpfung somit für alle US-Bürger.

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Neue Impf-Empfehlungen veröffentlicht

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