Ärzte Zeitung online, 08.09.2010

"Riskante Impfung gegen Pneumokokken" ist eine Zeitungs-Ente

"Impfung kann Babys gefährlich werden - Riskante Vorsorge gegen Pneumokokken", titelt die "Frankfurter Rundschau" in ihrer aktuellen Ausgabe. Grundlage des Berichts ist eine Studie aus den Niederlanden. Dort wird aber der Nutzen der Pneumokokken-Impfung überhaupt nicht infrage gestellt.

Von Wolfgang Geissel

Die niederländischen Forscher um Dr. Elisabeth Sanders vom University Medical Center in Utrecht haben herausgefunden, dass der siebenvalente konjugierte Pneumokokken-Impfstoff offenbar die Ausbreitung eines bestimmten Pneumokokken-Typs (Serotyp 19A) begünstigt (JAMA 2010; 304: 1099). Insgesamt sind Pneumokokken ja bei den meisten gesunden Kindern ganz normale Besiedler der Nasen-Rachen-Schleimhaut. Ob die Kinder davon krank werden, hängt von weiteren Faktoren ab, wie etwa lokale Abwehrschwäche durch virale Infektionen.

"Riskante Impfung gegen Pneumokokken" ist eine Zeitungs-Ente

Eine veriatable Zeitungsente: Der Bericht in der Frankfurter Rundschau vom 8. September über eine Studie aus den Niederlanden.

© jas

Werden von den über 90 möglichen Pneumokokken-Serotypen in der Nasopharynx die vom Impfstoff abgedeckten sieben häufigsten und gefährlichsten Typen durch Impfung eliminiert, dann könnten andere bisher seltenere Typen die frei werdende ökologische Nische besetzen. Sind diese neuen Typen dann ähnlich gefährlich wie die Eliminierten, wäre durch die Impfung nichts gewonnen.

In den USA, wo bereits seit zehn Jahren mit der siebenvalenten Vakzine geimpft wird, gab es für eine mangelnde Wirksamkeit bisher keine Anzeichen. Im Gegenteil: Der Nutzen der Impfung wurde in vielen Studien eindrucksvoll belegt. Die Raten von Sepsis und anderen invasiven Infektionen sowie von Pneumonien und Otitis media durch Pneumokokken nahmen durch die Impfprogramme deutlich ab, und zwar nicht nur bei den geimpften Kindern, sondern auch bei Ungeimpften und darunter sogar bei alten Menschen. Der herkömmliche Impfstoff verringert somit die Zirkulation besonders gefährlicher Pneumokokken in der Bevölkerung.

Das gilt allerdings nicht für den Serotyp 19A, dessen Ausbreitung die niederländischen Forscher unter die Lupe genommen haben. Dieser Typ nimmt weltweit in vielen Regionen zu, und zwar auch dort, wo gar nicht gegen Pneumokokken geimpft wird. 19A-Pneumokokken sind nämlich auch resistent gegen einige Antibiotika wie Azithromycin. Der Keimtyp ist daher auch in Ländern mit hohem Antibiotika-Verbrauch besonders verbreitet. In den USA sind 19A-Pneumokokken inzwischen die häufigsten Serotypen der Keime bei schweren Infektionen. Das ist deshalb bedeutsam, weil 19A schwere Infektionen verursachen kann.

Ziel der niederländischen Studie war es nun herauszufinden, ob auch der siebenvalente Impfstoff die Ausbreitung von 19A begünstigt. Die Forscher haben daher bei etwa 1000 gesunden Kindern mit oder ohne Impfungen im Alter von 6 Wochen bis 24 Monaten die Nasopharynx auf diesen Serotyp untersucht. Ergebnis: Bei etwa 9 Prozent der Ungeimpften kam dieser Keim im Nasen-Rachen-Raum vor, im Vergleich zu 16 Prozent bei Kindern mit dreimaliger Impfung. Das ist ein Beleg dafür, dass die Impfung dem Typ 19A die Besiedelung des Nasen-Rachen-Raums erleichtert, so die Forscher.

Ist das klinisch bedeutsam? Eine Besiedelung mit diesem Keim in der Nasopharynx heißt nicht unbedingt, dass die Kinder auch krank werden, geben die Forscher zu bedenken. Zudem weisen sie auf den neuen 13-valenten Pneumokokken-Impfstoff hin, der den Typ 19A mit abdeckt.

Weil sich aber auch andere bisher seltene Pneumokokken-Serotypen infolge von Impfungen ausbreiten könnten, bleibe es wichtig, die Zirkulation der Pneumokokken-Typen weiter zu überwachen, betonen die Wissenschaftler.

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