Ärzte Zeitung, 18.02.2011

2. Nationale Impfkonferenz

Pipeline der Impfstoffhersteller ist gefüllt

Moderne biotechnische Methoden bringen die Impfstoffentwicklung voran. Schutz gegen Meningokokken B, Staph. aureus, Malaria und Krebs wird so möglich.

Von Wolfgang Geissel

Pipeline der Impfstoffhersteller ist gefüllt

Gegen Meningokokken B wurde jetzt erstmals ein Impfstoff zur Zulassung eingereicht.

© Novartis Vaccines

STUTTGART. "Früher wurden neue Impfantigene eher zufällig aus abgeschwächten Erregern gewonnen", hat Dr. Jens Vollmar in einem Vortrag für den Verband forschender Arzneimittelhersteller (vfa) berichtet.

Heute lassen sich im Erbgut eines Erregers gezielt Gene heraussuchen. Aus diesen Kandidaten wird dann das aussichtsreichste Impfantigen ausgewählt, sagte Vollmar bei der 2. Nationalen Impfkonferenz.

Was sich einfach anhört, ist allerdings mit enormem Aufwand verbunden. Bei Impfstoffen sind die Anforderungen nämlich höher als bei klassischen Arzneimitteln, weil sie millionenfach gesunden Menschen verabreicht werden.

Das notwendige Studienprogramm wurde dabei in den vergangenen Jahren ständig erweitert: Reichten beim Hepatitis-B-Impfstoff in den 1980er-Jahren noch Studien mit 1200 Probanden für die Zulassung aus, waren bei den Rotavirusvakzinen 2005 schon mehr als 70.000 nötig.

Die Entwicklung ist für Unternehmen eine enorme Investition: Zehn Jahre Zeit und eine Milliarde Euro Kosten pro Vakzine werden im Mittel veranschlagt, wie Vollmar berichtet hat. Das Problem: Jeder Impfstoff braucht schon während der Entwicklungszeit eine validierte endgültige Produktionsanlage, und noch in Phase III kann ein Kandidat scheitern.

Trotzdem ist die Pipeline der Hersteller gut gefüllt. Mit Spannung wird zum Beispiel ein neuer Meningokokken-B-Impfstoff erwartet, der jetzt zur Zulassung eingereicht wurde. Dieser Impfstoff könnte 2012 die letzte große Lücke beim Schutz gegen Erreger bakterieller Meningitiden schließen.

Zudem wird ein Impfstoff gegen Staph. aureus in Phase II geprüft, mit dem einmal ein Großteil der jährlich 132.000 Infektionen mit Methicillin-resistenten Staph. aureus (MRSA) in Deutschland verhindert werden könnte.

Moderne Adjuvanzien haben zudem erstmals einen wirksamen Impfstoff gegen Malaria möglich gemacht. Die Vakzine verringert nach Studiendaten die Infektionsrate und die Zahl schwerer Krankheitsverläufe deutlich und könnte nach Abschluss der Phase-III-Studien 2012 zur Zulassung eingereicht werden.

Auch neuartige therapeutische Impfstoffe gegen Krebs sind in Sicht, wobei man sich die Immunabwehr gegen spezifische Krebsantigene zunutze macht: Ein Kandidat gegen nichtkleinzelligen Lungenkrebs wird bereits in Phase-III-Studien geprüft.

Nach Studiendaten kam in Folge der Impfung bei knapp einem Drittel der Patienten die Krankheit zum Stillstand oder die Tumoren bildeten sich zurück. Wenn sich das Konzept weiter bewährt, sind Impfstoffe gegen weitere Krebsformen denkbar.

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Weitere Infos im Web:
Abstractband des 2. Nationalen Impfkongresses

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