Ärzte Zeitung, 13.07.2016

FSME breitet sich aus

Die Zecke lauert im Garten

Das FSME-Risikogebiet in Deutschland weitet sich immer mehr aus, warnt das Robert-Koch-Institut. Vor der gefährlichen Hirnhautentzündung schützt nur eine Impfung - die empfehlen Experten auch schon bei Kindern.

Von Elke Oberhofer

Die Zecke lauert im Garten

Zecken werden schon bei Temperaturen ab 7 Grad aktiv und lauern in Büschen und hohem Gras, gerne aber auch im Garten.

© dpa

NEU-ISENBURG. Das Risiko, sich mit dem Erreger der Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) zu infizieren, steigt in Deutschland langsam an. Im Vergleich zum Vorjahr drei weitere FSME-Risikogebiete hinzugekommen, meldet das Robert-Koch-Institut (RKI).

Dies sind der Stadtkreis Hof und der Landkreis Ostallgäu in Bayern sowie der Landkreis Greiz in Thüringen (www.rki.de). Alle drei grenzen an bereits bestehende Risikogebiete an.

Insgesamt hat sich die Zahl der offiziell ausgewiesenen Risikogebiete in Deutschland damit auf 145 erhöht. Sie befinden sich überwiegend in Bayern, Baden-Württemberg, Südhessen und im südöstlichen Thüringen.

In Bayern wurden bis Ende September letzten Jahres 100 FSME-Fälle gemeldet, in Baden-Württemberg 54 und in Hessen 12. Laut RKI sind zwischen 0,1 Prozent und 5 Prozent der Zecken in Endemiegebieten mit dem FSME-Virus infiziert (Zbl Arbeitsmed 2015; 65: 267-269).

Auch Kleinkinder in Gefahr

Überträger sind hierzulande Zecken des Subtyps Ixodes ricinus. Diese halten sich bevorzugt in Wäldern, hohem Gras und Gebüsch auf. Von dort werden sie im Vorübergehen abgestreift. Aber auch in Gärten sind Zecken mittlerweile verbreitet, sodass sich auch Kleinkinder infizieren können.

Als Virusreservoir dienen nach Professor Reinhard Kaiser, Neurologe und Zeckenspezialist in Pforzheim, kleine Wald- oder Feldnagetiere (MMW 2014; 156 (3): 49-52). In diesen kann der Erreger überwintern.

In diesem Jahr hat die Zecken- und damit die FSME-Saison längst begonnen. Zecken werden schon bei Temperaturen ab etwa 7 Grad Celsius aktiv. Die meisten Infektionen erfolgen zwischen März und November, mit einem ersten Gipfel im Frühsommer und einem zweiten zwischen September und Oktober.

Symptome bei jedem Dritten

Wie Kaiser betont, zieht bei weitem nicht jeder Stich einer infizierten Zecke eine symptomatische Infektion nach sich; dies ist nur bei etwa einem Drittel der Gestochenen der Fall. Wenn es zu einer Erkrankung kommt, verläuft diese charakteristischerweise zweiphasig.

70 Prozent der Patienten zeigen nach etwa fünf bis 20 Tagen zunächst Symptome wie bei einer leichten Sommergrippe: Fieber, Kopfschmerzen, katarrhalische Beschwerden, eventuell Erbrechen. Nach einem fieberfreien Intervall von einigen Tagen beginnt die zweite Krankheitsphase, die mit dem Befall des Nervensystems einhergeht:

Bei etwa 50 Prozent der Patienten tritt eine isolierte Meningitis mit Kopfschmerzen, hohem Fieber, Übelkeit, gelegentlich auch Nackensteifigkeit auf. Das Allgemeinbefinden ist in dieser Phase deutlich beeinträchtigt.

40 Prozent erleiden eine Meningoenzephalitis mit Bewusstseinsstörungen, eventuell Halluzinationen, Ataxien und Paresen. Dabei kann es zu Gesichtslähmungen, Sprech- und Schluckstörungen kommen.

Die schlechteste Prognose haben Patienten, die eine Myelitis entwickeln (circa 10 Prozent). Hier tritt neben Paresen von Armen und Beinen häufig auch eine Hirnstammenzephalitis auf.

Im Allgemeinen verläuft die Erkrankung bei Kindern bis 14 Jahren leichter als bei Erwachsenen. Allerdings zeigten neuere Verlaufsuntersuchungen von Kindern nach FSME-Infektion häufiger als bisher angenommen leichte neurologische und neuropsychologische Auffälligkeiten sowie Verlangsamungen im EEG (Pediatr Infect Dis J 2012; 31: 570-574).

Ist es wirklich FSME?

Hinweisend für eine FSME-Erkrankung sind nach Kaiser folgende Faktoren:

  • Exposition in einem Risikogebiet,
  • Zeckenstich innerhalb der letzten ein bis drei Wochen (fakultativ),
  • klinische Symptomatik,
  • entzündlicher Liquorbefund,
  • Nachweis von FSME-spezifischen IgM- und IgG-Antikörpern im Serum und
  • Nachweis eines erhöhten FSME-spezifischen Antikörper-Indexes im Liquor.

Der alleinige Nachweis spezifischer IgM-Antikörper im Blut ist nicht beweisend. Laut Kaiser besteht die Möglichkeit einer Kreuzreaktion mit verwandten Flaviviren, was zu einem falsch-positiven Befund führen kann.

Umgekehrt schließt auch eine negative Serologie eine Infektion mit dem FSME-Erreger nicht aus. So finden sich in der Prodromalphase regelhaft keine spezifischen Antikörper in Serum oder Liquor (MMW 2014; 156 (3): 49-52).

Impfschutz erst nach zwei Wochen

Schützen kann man sich vor einer FSME-Infektion durch Impfung. Die STIKO empfiehlt die FSME-Impfung bei Exposition in Risikogebieten generell ab dem dritten Lebensjahr. Dabei raten Experten, die Grundimmunisierung bevorzugt in den Wintermonaten vorzunehmen, damit vom Frühjahr an ein sicherer Schutz besteht.

Um den vollen Impfschutz zu erreichen, sind drei Impfungen notwendig: Nach der ersten Dosis folgt ein bis drei Monate später die zweite; die dritte ist fünf bis zwölf beziehungsweise neun bis zwölf Monate danach fällig. Der erste Booster sollte drei Jahre später erfolgen.

Bei älteren Impflingen (> 60 Jahre) sollte nach Herstellerangaben alle drei, ansonsten alle fünf Jahre eine Auffrischimpfung vorgenommen werden. Wie der Pädiater und Impfexperte Professor Fred Zepp, Universitätsmedizin Mainz, beim Praxis Update in München betonte, ist jedoch nach längeren Impfpausen oder bei irregulären Impfabständen keine erneute Grundimmunisierung erforderlich; dies habe eine Studie mit 1115 Erwachsenen und 125 Kindern belegt (Vaccine 2014; 32(20): 2375-81).

"Jede Impfung zählt!"

Innerhalb eines Zeitfensters von zehn Jahren gelte, so STIKO-Mitglied Zepp, auch bei der FSME-Impfung der Grundsatz: "Jede Impfung zählt"!

Impfreaktionen werden vor allem nach der ersten Teilimpfung beobachtet. Sie klingen jedoch meist rasch und folgenlos ab. Neben Allgemeinsymptomen wie Temperaturanstieg (circa 5 Prozent), Kopfschmerzen und Magen-Darm-Beschwerden kommt es relativ häufig auch zu lokalen Reaktionen wie Schmerzen und Rötung an der Einstichstelle.

Bei Kindern unter drei Jahren ist das Risiko von Fieberreaktionen mit cirka. 15 Prozent deutlich höher. Die STIKO empfiehlt daher eine sorgfältige Indikationsstellung für diese Altersgruppe.

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