Ärzte Zeitung online, 22.12.2010
 

Gegen Influenza plus Schweinegrippe zu impfen, lohnt sich noch

Kehrt die Schweinegrippe zurück? Ist das Virus gefährlicher geworden? Die Lektüre deutscher und britischer Boulevardblätter könnte zu einem doppelten "Ja" verleiten. Das pandemische H1N1-Virus war aber nie verschwunden, es ist vielmehr zu einem saisonalen Influenza-Virus "mutiert".

Von Michael Hubert

GENF. Im August hat die WHO die Pandemie durch das neue H1N1Virus (Schweinegrippe-Virus) für beendet erklärt. Zuvor hatte das Virus zunächst in seinem Ursprungsland Mexiko und kurz darauf in den USA zu einer hohen Zahl von Infektionen geführt. Im Sommer 2009 erreichte die erste Grippewelle Europa durch importierte H1N1-Viren. Im Winter kam es dann zu einer großen Welle autochthoner Erkrankungen. Dann verschwand das Virus von der Nordhalbkugel.

Auf der Südhalbkugel hingegen fand es in der zuende gegangenen Wintersaison auch weiterhin Verbreitung. Im Gegensatz zu den Zeiten der Pandemie war es nun allerdings nicht mehr das allein vorherrschende Influenza-Virus. Im Gegenteil: Auf die gesamte Südhalbkugel bezogen, musste das Schweinegrippe-Virus seine Vormachtstellung abgeben, an ein H3N2-Virus (wir berichteten). Mitgemischt am Influenzageschehen auf der Südhalbkugel hat das neue H1N1-Virus allerdings die ganze Winterzeit über.

Im Detail betrachtet war die Situation allerdings sehr komplex. Da gab es große Regionen wie Australien, Neuseeland und Südostasien, in denen dominierte das pandemische Influenza-Virus, in Südamerika hingegen ein H3N2-Virus. In Mittelamerika gab es sogar regional enorme Unterschiede: Während in Costa Rica das pandemische H1N1-Virus vorherrschte, war es in den beiden Nachbarländern Panama und Nikaragua das H3N2-Virus. Dies zeigt zum wiederholten Male die Unberechenbarkeit von Influenza-Viren.

Gegen Influenza plus Schweinegrippe zu impfen, lohnt sich noch

Grippe-Impfung: Ein Piks, der sich auch jetzt noch lohnt, für alle Menschen über 60 Jahre und für chronisch Kranke jeden Alters.

© photos.com

In einer Influenza-Pandemie ist immer nur ein Virus vorhanden, bei saisonaler Influenza hingegen sind gleichzeitig mehrere Virustypen verbreitet. Diesen saisonalen Normalfall spiegelt die aktuelle Situation in Großbritannien wider. Hier haben Tests im Rahmen des nationalen Überwachungssystems eine Positivenrate von fast 60 Prozent ergeben. Das heißt, 60 Prozent der Patienten mit Influenza-Symptomen, bei denen eine Probe analysiert wurde, hatten tatsächlich eine Virusgrippe. In den vergangenen Wochen hatte vor allem in England die Zahl schwerer Grippe-Erkrankungen deutlich zu genommen, schreibt die WHO auf ihrer Internetseite. Dabei habe es sich zu zwei Dritteln um das neue H1N1Virus und zu einem Drittel um ein Influenza-B-Virus gehandelt.

Die WHO folgert aus den vorliegenden Daten fasst schon profan: "In Großbritannien ist die saisonale Influenza auf ihrem Weg." Bedeutender hingegen dürfte folgende Aussage sein: Alle Influenza-Viren, die bisher charakterisiert wurden, stimmen mit den Stämmen überein, die im aktuellen Grippe-Impfstoff enthalten sind. Auch wichtig zu wissen: Bisher wurden keine Veränderungen der Influenza-Viren beobachtet. Der Impfstoff sei also weiter wirksam. Die STIKO empfiehlt die Impfung für alle Menschen über 60 Jahre sowie - altersunabhängig - für chronisch Kranke, etwa Patienten mit Asthma oder COPD, Herzerkrankungen oder Diabetes. Noch gibt es in Deutschland nur eine geringe Influenza-Aktivität.

Weitere aktuelle Berichte zum Thema Schweinegrippe

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Onkologen und IQWiG uneins über Nutzen von Gentests

Sind Gentests hilfreich für Brustkrebspatientinnen bei der Therapieentscheidung? Die aktuelle Einschätzung von Onkologen und IQWiG geht hier auseinander. mehr »

Keine Herzgeräusche im Stehen – kein Herzfehler

Mit einer simplen Methode können Ärzte pathologische von physiologischen Herzgeräuschen bei Kindern unterscheiden. mehr »

Stammzellgesetz – Bremse für Forscher?

15 Jahre nach der hochemotionalen Debatte um die Forschung an menschlichen embryonalen Stammzellen fürchten Forscher durch das Stammzellgesetz Nachteile in Deutschland. mehr »