Ärzte Zeitung online, 13.09.2018

RKI mahnt bessere Impfraten an

Schwerste Grippewelle seit 2001

Im letzten Winter gab es mehr Influenza-Erkrankungen als in jeder Grippesaison seit 2001, berichtet das Robert Koch-Institut und plädiert für einen besseren Impfschutz.

Von Wolfgang Geissel

177a0101_8114002-A.jpg

Ärzte haben es mit in der Hand, den Grippeschutz durch eine Impfung zu verbessern – auch im eigenen Team.

© Alexander Raths / stock.adobe.com

BERLIN. Die Grippewelle im Winter 2017/18 ist außergewöhnlich schwer gewesen. Das zeigt der neue Influenza-Saisonbericht der Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) des Robert Koch-Instituts (RKI). So gab es zum Beispiel geschätzte neun Millionen influenzabedingte Arztbesuche, zwei Millionen mehr als in den starken Grippesaisons 2012/13 und 2014/15.

Um den Infektionen vorzubeugen, ist die Impfung die wichtigste Maßnahme, so das RKI. Und: "Die Schutzmöglichkeiten müssen besser genutzt werden", betont RKI-Präsident Professor Lothar H. Wieler. Er appelliert daher an Ärzte, jetzt sowohl beim Praxispersonal als auch bei den Patienten für gute Impfraten zu sorgen. Den Menschen ist zudem eine gute Hygiene einzuschärfen: vor allem gründliches Händewaschen und Abstand halten von Patienten mit Atemwegsinfektionen!

Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt den Influenzaschutz für alle über 60-Jährigen, alle chronisch Kranken, Schwangeren sowie das Medizin- und Pflegepersonal. "Mit keiner anderen Impfung lassen sich hierzulande mehr Leben retten", unterstreicht Wieler. Zum Influenza-Schutz wird inzwischen als Standard ein Vierfach-Impfstoff empfohlen.

Das RKI kritisiert die bisher unbefriedigenden Impfraten: So waren nach einer Umfrage in Krankenhäusern im vorletzten Winter nur knapp zwei Drittel der Ärzte und nur etwa ein Drittel des Personals in der Pflege und in therapeutischen Berufen geimpft. Und auch bei den Senioren in der Bevölkerung lagen die Schutzraten in der Grippesaison 2016/17 nur bei etwa 35 Prozent.

Ein besonders hohes Risiko für schwere Influenza-Verläufe haben chronisch Kranke, so der Bericht: Vorgestellt wird eine US-Analyse aus der letzten Grippesaison. Danach hatten 92 Prozent der stationär behandelten Erwachsenen mit Grippe mindestens eine vorbestehende Grunderkrankung. Am häufigsten waren das kardiovaskuläre Leiden (46 Prozent) gefolgt von Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes (43 Prozent), Adipositas (37 Prozent) und Lungenleiden (30 Prozent).

Schwangere besonders durch Grippe gefährdet

Von den stationär behandelten grippekranken Kindern hatte gut jeder Zweite eine Grunderkrankung, und darunter wurden am häufigsten Asthma (23 Prozent), neurologische Störungen (15 Prozent) und Adipositas (10 Prozent) genannt. Auch eine Schwangerschaft erhöht das Risiko für einen schweren Influenza-Verlauf: Von den stationär behandelten Frauen im Alter von 15 bis 44 Jahre mit bekanntem Gestationsstatus war jede Dritte schwanger.

In Deutschland musste in der vergangenen Grippesaison jeder Sechste mit laborbestätigter Influenza stationär behandelt werden: Das waren nach dem Bericht 60.000 Betroffene. Auf Intensivstationen übertraf dabei die Zahl der Patienten mit schweren respiratorischen Erkrankungen die drei Vorsaisons deutlich.

Die Schwere der Grippesaison zeigt sich auch in der Auswertung der "Übersterblichkeit" während der Grippewelle. Diese wurde bisher nicht für ganz Deutschland, sondern etwa für Berlin erfasst. Die Daten in der Hauptstadt übertreffen dabei mit geschätzten 1130 zusätzlichen Todesfällen im vergangenen Winter die bereits hohen Schätzwerte von 2016/17 (1040 Todesfälle).

Durch impfen ließen sich sehr viele Erkrankungen, schwere Verläufe und Todesfälle verhindern, betont das RKI, und zwar trotz der nur moderaten Wirksamkeit der Impfstoffe. Der Schutz sollte daher besser als bisher genutzt werden.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Grippeimpfung: Überzeugungstäter gefragt

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich
[13.09.2018, 20:21:16]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
RKI: Aus Fehlern lernen - oder, „was interessiert mich mein Geschwätz von Gestern“?
Bereits am 02.11.2017 habe ich unter dem Titel
"GEIZ IST GEIL" als Folge von Rabattverträgen?
kommentiert:

"Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Da beträgt die Schutzwirkung der Grippe-Impfung nur 17 Prozent bei den in Australien zirkulierenden Influenza A(H3N2)-Stämmen. Das wird dann auch noch als "relativ niedrige Wirksamkeit der Grippe-Impfstoffe" schön geredet!

Unter http://flunewseurope.org/ steht:
"Due to the diversity of A(H3N2) influenza viruses that circulated during the 2017 Southern Hemisphere season and reports of low vaccine effectiveness (17% against A(H3N2) overall), WHO recently recommended a change of the A(H3N2) component for inclusion in seasonal influenza vaccines for use in the 2018 Southern Hemisphere influenza season. In addition, the influenza B lineage in trivalent vaccines was changed to a B/Yamagata-lineage virus, compared to the vaccine component (a B/Victoria-lineage virus) recommended for 2017–2018 Northern Hemisphere influenza season."

Das bedeutet m. a. W.: Wenn das Europäische Centre for Disease Prevention and Control schon gemeinsam mit der WHO für die nächste Saison bei der A(H3N2)-Komponente den Wechsel von A/Hong Kong/4801/2014 auf A/Singapore/INFIMH-16-0019/2016 und beim Influenza-B-Subtyp den Wechsel von B/Victoria auf B/Yamagata empfiehlt, war die gemeinsame Entscheidung von G-BA, Robert-Koch-Institut (RKI) und STIKO, auf den billigst-möglichen trivalenten Influenza-Impfstoff zurück zu greifen, ein Schuss in den Ofen!

Denn der zugegeben teurere, tetravalente Influenza-Impfstoff hätte die jetzt offenkundigen Lücken bei der Influenza-Epidemiebekämpfung bereits im Vorfeld locker geschlossen: Tetravalent bedeutet, A(H3N2)-Komponente A/Singapore/INFIMH-16-0019/2016 und B/Yamagata sind im tetra-valenten Grippe-Impfstoff bereits mit eingebaut und hätten unter geringer Kostensteigerung einen wirklich relevanten Grippeschutz ermöglicht.

Eine Schutzrate von nur 17 Prozent bei einer Influenza-Impfung ist ebenso armselig, wie die Bemühungen unserer Impf- und Infektionsepidemiologie-Strategen, genau am falschen Ende sparen zu wollen: Auf Kosten der Patientinnen und Patienten, der niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen und der Kliniker, die jetzt einer völlig unnötigen Grippewelle auf Grund mangelhafter Impfstoffe entgegensehen." (Zitat Ende)

Bereits für die Grippe-Saison 2013/2014 hatte die WHO einen 4-fach Influenza-Impfstoff neben der 3-fach-Vaccine empfohlen! Und jetzt mahnt das RKI bessere Impfraten an, um von eigenem Organisationsversagen abzulenken?

"Schwerste Grippewelle seit 2001 - Im letzten Winter gab es mehr Influenza-Erkrankungen als in jeder Grippesaison seit 2001, berichtet das Robert Koch-Institut und plädiert für einen besseren Impfschutz" heißt es. Doch wesentliche Ursache für die diesmalig geschätzten neun Millionen influenzabedingten Arztbesuche 2017/2018 waren und sind die hohen Versagerquoten bei Verabreichung der von der STIKO und dem RKI empfohlenen 3-fach-Influenza-Billigimpfungen der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV).

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

 zum Beitrag »
[13.09.2018, 10:53:42]
Dr. Erhard Eberl 
Ursache und Wirkung
Die Hausärzte sind zunächst der falsche Adressat. Das Anliegen sollte das RKI zunächst dem Gesundheitsminister vortragen und wenn von dort ein interessantes Honorarangebot kommt dann lässt sich sicherlich die Impfquote drastisch steigern. Zu den derzeitigen Konditionen fange ich eine Diskussion mit Patienten gar nicht erst an.
Mit freundlichen und kollegialen Grüßen Dr. E. Eberl FA für Allgemeinmedizin  zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Ein Gelähmter kann wieder gehen

Obwohl er querschnittsgelähmt ist, konnte ein Mann wieder einige Schritte gehen - dank der elektrischen Rückenmark-Stimulation. Von Heilung wollen die Ärzte aber nicht sprechen. mehr »

Auf Zungenküsse besser verzichten?

Zungenküsse erhöhen offenbar das Risiko für HPV-Infekte und damit auch für Mund-Rachen-Tumoren. US-Experten haben sich das Krebsrisiko jetzt einmal genauer angesehen. mehr »

Das ist bei einer Datenpanne zu tun

Bei einem Datenleck in der Praxis sind Inhaber nach der Datenschutzgrundverordnung verpflichtet, dies zu melden. Wem und wie, das erläutern Medizinrechtler. mehr »