Ärzte Zeitung online, 15.03.2019

RKI-Forscher vermuten

Grippewellen bremsen die steigende Lebenserwartung

Die Lebenserwartung der Menschen in Deutschland nimmt zu, doch beim Anstieg gibt es immer wieder rätselhafte Dellen, berichtet das RKI. Ihre Erklärung: Es liegt an der Grippe.

Grippewellen hemmen Lebenserwartung

Ist das Leben nicht schön? Die Lebenserwartung der Menschen in Deutschland ist gestiegen, berichtet das RKI. Doch es gibt im Anstieg immer wieder rätselhafte Dellen.

© crazymedia / stock.adobe.com

BERLIN. Die schweren Grippewellen der vergangenen Jahre könnten die Entwicklung der Lebenserwartung in Deutschland negativ beeinflusst haben. Das vermuten Forscher des Berliner Robert Koch-Instituts (RKI) mit Blick auf die Statistiken der vergangenen 25 Jahre.

In dieser Zeit stieg die mittlere Lebenserwartung von Frauen von 79 auf 83,2 Jahre. Bei den Männern wuchs sie von 72,5 auf 78,4 Jahre, heißt es im Journal of Health Monitoring.

Rätselhafte kleine Unterbrechnungen

Allerdings beobachten die Forscher immer wieder rätselhafte kleine Unterbrechungen bei diesem kontinuierlichen Anstieg - zum Beispiel 2013, 2015 und 2017.

Die Wissenschaftler werten das nicht als reinen Zufall. Denn 2013, 2015 und 2017 waren in Deutschland Jahre mit auffallend starken Grippewellen, die geschätzt jeweils rund 20 000 Todesopfer mehr forderten als sonst - vor allem unter älteren Menschen.

Der Anstieg der Lebenserwartung werde allerdings von vielen Faktoren beeinflusst, heißt es in der Untersuchung. Effekte wie die medizinische Versorgung und Prävention wirkten dabei zum Beispiel eher langfristig.

Sinkende Sterberaten

Die wachsende Lebenserwartung in Deutschland resultierte bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts vor allem aus einem Rückgang der Sterblichkeit bei Säuglingen, Kindern und jungen Erwachsenen.

Seitdem sind vor allem sinkende Sterblichkeitsraten der Älteren für den stetigen Anstieg verantwortlich. Grippewellen könnten dem aber vielleicht kurzfristig einen leichten Dämpfer versetzen.

Die jüngste Untersuchung bestätigt erneut, wie stark auch soziale Unterschiede die Lebenserwartung immer noch beeinflussen. Vor dem 65. Geburtstag sterben 13 Prozent der Frauen und 27 Prozent der Männer aus der niedrigsten Einkommensgruppe.

Bei Spitzenverdienern sind es nur acht Prozent der Frauen und 14 Prozent der Männer. Diese Unterschiede sind seit 25 Jahren gleich geblieben.

Schweiz hat die höchste Lebenserwartung in Europa

Im internationalen Vergleich zeigt sich, dass die Lebenserwartung in Deutschland im Mittelfeld der europäischen Länder liegt: Sie stieg von 75,7 Jahren (1991) auf 81,0 Jahren (2016).

Spitzenreiter ist die Schweiz mit 83,7 Jahren, gefolgt von Spanien (83,5) und Italien (83,4). Am Ende dieses Rankings liegt Georgien mit 72,7 Jahren (siehe nachfolgende Tabelle).

Vergleich der Lebenserwartung in der Welt

Auch im weltweiten Vergleich der Lebenserwartung zeigen sich erhebliche Unterschiede zwischen den Staaten. Das hat eine Arbeitsgruppe der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgefunden, die mehr als 8200 Quellen zur Sterberate ausgewertet hat. Die Ergebnisse der Global Burden of Disease Studie 2017 (Lancet 2018;392:1684–1735) wurden Ende des vergangenen Jahres publiziert.

Demnach haben männliche Neugeborene, die in Deutschland 2017 das Licht der Welt erblickten, eine durchschnittliche Lebenserwartung von 78,24 Jahren. Das ist der niedrigste Wert unter den 22 westeuropäischen Staaten (siehe nachfolgende Karte).

Frauen leben nach wie vor im Schnitt rund fünf Jahre länger als Männer. Die weltweite Lebenserwartung bei weiblichen Neugeborenen beträgt im Schnitt 75,6 Jahre (bei männlichen 70,5). Deutschland liegt mit 83,01 Jahren bei den Frauen deutlich über dem Schnitt (siehe nachfolgende Karte).

Blickt man auf die westeuropäischen Nachbarn, schneiden allerdings nur das Vereinigte Königreich (82,72) und Dänemark mit 82,69 Jahren schlechter ab. (dpa/ths)

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