Ärzte Zeitung, 10.10.2016

Stuhl-Transplantation

Darmflora reloaded

Letzte Chance fremder Kot? Eine Transplantation frischen Stuhls von einem gesunden Spender kann bei Clostridium-difficile-Infektionen scheinbar helfen. Darauf weist zumindest eine neue Studie hin.

Von Christine Starostzik

PROVIDENCE. Infektionen mit Clostridium difficile (CDI) sind schwierig zu behandeln und haben nach der ersten Episode Rezidivraten zwischen 15 und 35 Prozent, nach einem weiteren Rezidiv bis zu 65 Prozent. Ist der Infektion mit Antibiotika nicht zu begegnen, kann eine Stuhltransplantation durchgeführt werden, um wieder eine physiologische Darmbesiedelung zu erreichen.

Aus Fallserien und Open-label-Studien wurde bisher über Heilungsraten von 81 bis 100 Prozent berichtet. Jetzt haben Colleen Kelly vom Miriam Hospital in Providence im US-Staat Rhode Island und Kollegen Stuhltransplantationen per Kolonoskopie bei Patienten bis 75 Jahre mit mindestens drei CDI-Rezidiven in einer randomisierten, kontrollierten, doppelblinden Studie untersucht (Ann Intern Med 2016, online 23. August).

Mit Vancomycin behandelt

Alle Patienten hatten zwei bis drei Tage vor der Stuhltransplantation über mindestens zehn Tage Vancomycin erhalten. 22 Patienten erhielten den frischen Stuhl eines gesunden Spenders und 24 Probanden ihren eigenen Stuhl (Kontrollgruppe). Die Wirksamkeit (primärer Endpunkt: Beendigung der Diarrhö ohne weitere Anti-CDI-Therapie) wurde nach einem Follow-up von acht Wochen beurteilt. Während der Beobachtungszeit wurden die Patienten mehrfach nach Stuhlkonsistenz und -frequenz befragt.

Gut 90 Prozent der Patienten, die eine Stuhltransplantation von einem Fremdspender erhalten hatten, wurden am Ende der Beobachtungszeit als geheilt eingestuft. In der Kontrollgruppe mit autologem Material lag diese Quote bei knapp 63 Prozent. Allerdings waren die Unterschiede zwischen Verum- und Kontrollgruppe nicht in beiden teilnehmenden Kliniken gleich deutlich erkennbar (Rhode Island: 90 vs. 43 Prozent; New York: 92 vs. 90 Prozent).

Möglicherweise waren die Ergebnisse in New York eine Folge längerer Krankheitsdauer sowie der Vorbehandlung der Patienten, so die Autoren. Warum so viele Patienten mit ihrem eigenen Stuhl geheilt werden konnten, darüber kann derzeit nur spekuliert werden. Die idealen Kandidaten für eine Fremdstuhlspende, so Kelly und Kollegen, müsse man in künftigen Studien erst ermitteln.

Dysbiose hatte sich normalisiert

Alle neun Patienten, die nach autologer Stuhltransplantation ein Rezidiv erlebten, wechselten in die Spendergruppe und galten nach der Behandlung ebenfalls als geheilt. So erreichte die Erfolgsquote ohne Rezidiv bis 25 Wochen nach der Stuhltransplantation letztlich 94 Prozent. Die bei allen Patienten vor der Transplantation bestehende Dysbiose hatte sich nach dem Eingriff normalisiert. Proteobakterien und Verrucomicrobia verschwanden nach der Fremdspende und Bacteroidetes und Firmicutes vermehrten sich.

Unerwünschte Ereignisse wie Fieber, Bauchschmerz, Blähungen, Übelkeit, Erbrechen, Diarrhö, Obstipation oder Appetitlosigkeit traten in beiden Gruppen etwa gleich häufig auf. Zu Schüttelfrost kam es häufiger in der Kontrollgruppe. Kein schweres Ereignis trat im Zusammenhang mit der Transplantation oder der Kolonoskopie auf.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Kot-Transplantationen: Hätten Sie mal 'nen Stuhl?

[10.10.2016, 15:12:04]
Helmut Portheine 
Scheinbarer Erfolg bei CDI?
Die Therapieoption "Kot-transplantation" ist offenbar erfolgreich, nicht etwa nur zum Schein (scheinbar). zum Beitrag »
[10.10.2016, 14:17:05]
Thomas Georg Schätzler 
Fragliches Studiendesign - 90,9 Erfolg in der Verum-, 62,5% Erfolg in der Kontrollgruppe?

Auch wenn die Transplantation frischen Stuhls von einem gesunden Spender ["fecal microbiota transplantation (FMT)"] gegenüber der autologen Stuhl-Transplantation vom Patienten selbst ["autologous FMT"] per Koloskopie bei Clostridium-difficile-Infektionen ein besseres "Outcome" (Achtung, Wortspiel!) zeigt ["Results: In the intention-to-treat analysis, 20 of 22 patients (90.9%) in the donor FMT group achieved clinical cure compared with 15 of 24 (62.5%) in the autologous FMT group (P = 0.042)"]:

Offen bleibt die Frage, wie man bei den beiden oben beschriebenen Interventionsarmen ["Intervention: Fecal microbiota transplantation with donor stool (heterologous) or patient's own stool (autologous) administered by colonoscopy"] tatsächlich ein randomisiertes, kontrolliertes und wirklich doppel-blindes Studiendesign erreichen konnte? ["Design: Randomized, controlled, double-blind clinical trial. (ClinicalTrials.gov: NCT01703494)"].

Und warum konnte in 62,5% eine Abheilung bei Clostridium-difficile-Infektionen mit autologem Stuhl erreicht werden, der doch gerade diesen Krankheitskeim enthielt?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

 zum Beitrag »
[10.10.2016, 11:46:25]
Helmut Portheine 
Scheinbarer Erfolg bei CDI?
Die Therapieoption "Kot-transplantation" ist offenbar erfolgreich, nicht etwa nur zum Schein (scheinbar). zum Beitrag »

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