Ärzte Zeitung online, 30.04.2009

Zweithöchste Pandemie-Warnstufe wegen der Schweinegrippe

GENF/LUXEMBURG/MEXIKO-STADT (dpa). Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat am späten Mittwochabend die zweithöchste Grippe-Alarmstufe ausgerufen. Die Welt steht demnach unmittelbar vor einer Pandemie. Wegen der rasanten Ausbreitung der Schweinegrippe kommen die EU-Gesundheitsminister an diesem Donnerstag zu einem Sondertreffen in Luxemburg zusammen. Die Minister der 27 EU-Mitgliedstaaten wollen ein gemeinsames Vorgehen bei der Bekämpfung der Krankheit und mögliche Reisewarnungen beraten.

WHO-Chefin Margaret Chan mahnte zu entschlossenem Handeln gegen die Schweinegrippe. Unterdessen erhöhte sich in Mexiko die Zahl der Schweinegrippe-Todesopfer auf acht.

Das Europäische Seuchenkontrollzentrum (ECDC) in Stockholm nannte die Erhöhung der Alarmstufe eine angemessene Antwort auf die Entwicklung der Lage. Grund seien die anhaltenden Übertragungen des Virus von Mensch zu Mensch in Mexiko und den USA. Die US-Streitkräfte bestätigten unterdessen den ersten Schweinegrippefall auf einer Militärbasis. Ein Marineinfanterist auf dem Stützpunkt 29 Palms in Kalifornien und 30 seiner Kameraden, die mit ihm Kontakt hatten, seien unter Quarantäne gestellt worden.

In Mexiko ist nach Angaben der Behörden ein weiterer Mensch der Schweinegrippe zum Opfer gefallen. Wie Gesundheitsminister José Ángel Córdova am Mittwochabend mitteilte, kamen damit bereits acht Personen nachweislich durch den mutierten H1N1-Virus ums Leben. Auch die Zahl der Infizierten habe sich von bisher 49 auf 91 erhöht. 84 Verdachtsfälle würden derzeit noch untersucht. Córdova kündigte an, dass zur Eindämmung der Epidemie die gesamte öffentliche Verwaltung auf Bundesebene über die Maifeiertage geschlossen bleiben solle, und forderte die Bundesstaaten und Städte auf, sich der Maßnahme anzuschließen.

Wie der Direktor des Nationalen Epidemiologischen Zentrums, Miguel Ángel Lezana, sagte, ist es inzwischen gelungen, den Ursprung der Infektionskette in Mexiko ausfindig zu machen. Der erste Fall sei Anfang April in der Ortschaft Perote im Staat Veracruz aufgetreten. Nach Medienberichten handelte es sich um einen fünf Jahre alten Jungen, der sich ohne ärztliche Behandlung wieder vollständig erholt habe.

US-Präsident Barack Obama sprach sich am Mittwochabend gegen eine Schließung der Grenze zu Mexiko wegen der Schweinegrippe aus. "Das wäre, als schließt man das Scheunentor, nachdem die Pferde ausgerissen sind", sagte er. Das Virus sei bereits in den USA. Deshalb ergebe eine Schließung der Grenzen keinen Sinn.

In Spanien wurde das Virus erstmals in Europa auch bei einem Patienten nachgewiesen, der nicht in Mexiko gewesen war. Er habe sich vermutlich bei seiner ebenfalls erkrankten Lebensgefährtin angesteckt, die das Virus aus Mexiko eingeschleppt habe, teilten die Behörden mit. Spanien hat derzeit 10 Schweinegrippefälle nachgewiesen. Das ist mehr als die Hälfte aller Fälle in der EU. Großbritannien hat fünf Fälle gemeldet, Deutschland drei und Österreich einen. Frankreich will sich wegen der Schweinegrippe für eine EU-weite Einstellung der Flüge nach Mexiko einsetzen.

WHO-Generaldirektorin Chan mahnte, es sei nun Zeit, entschlossen zu handeln. "Es ist wichtig, die ganze Geschichte zu erzählen und das sehr ernst zu nehmen." Phase 5 sei ausgerufen worden, weil es sich ganz offensichtlich um eine anhaltende Übertragung von Mensch zu Mensch in zwei Ländern einer Region handele. "Das erleben wir jetzt in Mexiko, und die Informationen der US-Behörden zeigen das auch", sagte sie. Gleichzeitig warnte sie vor Panik. "Wir sollten es nicht übertreiben. Wir brauchen eine gewisse Ebene der Ruhe, damit wir das auf rationale Weise bewältigen können."

Chan appellierte an alle internationalen Organisationen wie die Weltbank sowie an die Pharmaindustrie und die Forschung, alle Kapazitäten bereitzustellen, um eine Pandemie zu vermeiden. Die WHO rief auch zur verstärkten Produktion von Antigrippemitteln und zu weiteren Vorsorgemaßnahmen etwa im Gesundheitswesen auf.

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