Ärzte Zeitung online, 16.06.2009

Mutter erste Schweinegrippe-Tote Europas - auch ihr Frühchen tot

LONDON(dpa/eb). Das erste Todesopfer der Schweinegrippe in Europa ist eine Mutter aus Schottland. Die 38-Jährige starb am Sonntag. Erst vor zwei Wochen hatte sie ein Frühchen zur Welt gebracht - der Junge starb am Montag, nach Angaben der Behörden in Glasgow aber nicht an der Schweinegrippe.

Nach Angaben des Krankenhauses hatte die Frau auch andere Gesundheitsprobleme. Sie war am Sonntag an dem veränderten H1N1-Virus gestorben und damit der erste Patient, der außerhalb des amerikanischen Kontinents der Krankheit erlag. Behörden warnten jedoch vor Panik. Obwohl weitere Todesfälle zu erwarten seien, sei das Erkrankungsrisiko nicht gestiegen.

   Das Baby namens Jack kam in der 29. Woche zur Welt - elf Wochen zu früh. Unklar war allerdings, ob die Krankheit der Mutter die Frühgeburt eingeleitet hatte, oder ob die Ärzte das Kind absichtlich früher auf die Welt geholt hatten. Die Frau war eine von zehn Patienten, die im Royal Alexandra Hospital in Paisley nahe Glasgow wegen der Schweinegrippe behandelt worden waren.

   Ihre Familie war erschüttert. Die 38-Jährige, die zwei weitere Kinder hatte, sei seit einiger Zeit im Krankenhaus gewesen, teilten die Angehörigen am Montag in Glasgow mit, "aber nichts kann einen auf so eine erschütternde Nachricht vorbereiten". Ein Familienfreund erklärte, alle hätten gehofft, dass sie es schafft. Ihr Tod sei "eine Tragödie". Ihr Lebenspartner und der Vater des Frühchens ließ mitteilen: "So kurz nach dem Tod seiner Mutter ist das eine extrem schmerzliche und schwierige Zeit für unsere Familie."

   Großbritannien ist das Land, in dem bisher die meisten Schweinegrippefälle in Europa gemeldet wurden. Am Montag waren es mehr als 1300 Fälle, davon rund 500 in Schottland. In Europa wurden nach EU-Zahlen bislang mehr als 2300 Infektionen registriert. Auf dem amerikanischen Kontinent starben dagegen bereits 164 Menschen, die meisten davon in Mexiko (109 Tote) und in den USA (45 Tote).

   In Deutschland hat das Robert Koch-Institut (RKI) 172 Fälle registriert; etwa die Hälfte der Erkrankten habe sich innerhalb des Landes angesteckt. Die Stadt Düsseldorf meldete 84 Erkrankte, wovon einige noch nicht vom RKI registriert waren. Allein 65 Kinder einer japanischen Schule seien infiziert, sagte ein Sprecher der Stadt.

   Der Tod eines Patienten in Europa sei "früher oder später zu erwarten" gewesen, sagte der Bakteriologe Hugh Pennington von der Universität Aberdeen. "Das heißt nicht, dass das Virus gefährlicher wird." Eine entscheidende Rolle habe in diesem Fall gespielt, dass die Frau schon zuvor Gesundheitsprobleme gehabt habe. Der Virologe John Oxford betonte, die Menschen sollten nicht in Panik verfallen. "Die Chancen, sich das Virus einzufangen, sind gering." Eine Welle von Erkrankungen erwarten Experten im Herbst, wenn die reguläre Grippesaison beginnt.

   Die schottische Gesundheitsministerin Nicola Sturgeon sagte: "Der Todesfall ist zwar tragisch, aber ich möchte betonen, dass die Mehrzahl derjenigen, die H1N1 haben, relativ milde Symptome aufweisen."

   Der Jenaer Virologe Professor Peter Wutzler vermutet bei der Schweinegrippe eine sehr hohe Dunkelziffer, da eine Infektion oftmals ohne oder nur mit geringen Symptomen verlaufe. Das sei in gewissem Sinne sogar ein Vorteil: "Die Ausbreitung ohne Symptome wird auch zur Durchimmunisierung der Bevölkerung führen." Wenn dann viele Menschen immun seien, könne das Virus keine besonders gefährliche Seuche mehr in Europa auslösen, sagte er der Deutschen Presse-Agentur (dpa).

   Nach Auskunft der Bayerischen Gesellschaft für Immun- und Tropenmedizin, ist die Gefahr einer Ansteckung bei Jüngeren größer als bei Älteren. Dies liege wahrscheinlich daran, dass sich Ältere im Laufe ihres Lebens schon mit vielerlei Grippeviren angesteckt hätten. Außerdem seien sie öfter gegen Grippe geimpft worden. Die jungen Körper seien aber gesünder und könnten das Virus so besser abwehren.

   In der vergangenen Woche hatte die WHO die Schweinegrippe zur Pandemie erklärt und die höchste Alarmstufe sechs ausgerufen. Weltweit haben sich seit Ende April laut EU-Seuchenbehörde mehr als 37 000 Menschen mit dem neuen H1N1-Virus infiziert.

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