Ärzte Zeitung online, 09.09.2009

Kernfragen zur Schweinegrippe-Impfung ungeklärt

BERLIN (dpa). Wenige Wochen vor der geplanten Massenimpfung gegen die Schweinegrippe ist unklar, wie oft die Menschen geimpft werden müssen und wie viel Impfstoff dafür nötig ist. Die Sitzung einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe am Mittwoch im Kanzleramt blieb deshalb ohne abschließendes Ergebnis.

"Wir haben weitere Prüfaufträge erteilt", sagte der Staatsminister im Kanzleramt, Hermann Gröhe, der Deutschen Presse-Agentur dpa in Berlin. Es gehe im Kern um die Frage, ob nur eine Impfdosis ausreicht oder ob zwei Dosen nötig sind, wie bisher gedacht.

Erste internationale Untersuchungsergebnisse hierzu reichten noch nicht aus, sagte Gröhe. Der in Zellkulturen erzeugte Impfstoff hatte im ersten Pilotversuch bei 80 Prozent der Beteiligten bereits nach einer Dosis immunisierend gewirkt. "Die Datenlage wird in einer Woche signifikant weiter sein", sagte Gröhe. Auch die noch offenen Fragen zur Finanzierung wurden deshalb noch nicht abschließend geklärt.

Noch am Montag hatten die Gesundheitsminister der Länder beschlossen, die bestellten Impfdosen von 50 Millionen auf 68 Millionen aufzustocken. Angesichts verbreiteter Skepsis gegenüber der Impfung machten sie zur Bedingung, dass der Bund für nicht gebrauchten Impfstoff aufkommt. Näheres sollte eigentlich die Arbeitsgruppe an diesem Mittwoch beschließen. Die 68 Millionen Impfdosen sollten bei der bislang als nötig erachteten Zweifach-Impfung für 34 Millionen Menschen reichen.

Gröhe sagte: "Wir sind uns sehr einig in der Haltung, dass jeder Bürger, der dies wünscht, auch geimpft werden können wird." Der Impfstoff soll nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums Mitte Oktober zugelassen sein.

Fast zwei Drittel der Deutschen wollen sich einer Umfrage im Auftrag der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK) zufolge allerdings gar nicht gegen die Schweinegrippe impfen lassen. Kritiker meinen, die Impfung sei zu wenig erprobt, deshalb riskant und angesichts der bisher eher harmlos auftretenden Infektion unnötig. Verfechter der Impfung warnen hingegen davor, dass das Virus im Herbst mutieren und somit gefährlicher werden könnte. Dann sei es zu spät, eine Massenimpfung zu organisieren. Per Impfung schütze man zugleich seine Umgebung vor möglichen Ansteckungsgefahren.

Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) war mit den Krankenkassen übereingekommen, dass diese die Impfkosten für die Hälfte aller Versicherten tragen müssen. Dies wären rund 35 Millionen Menschen. Dafür waren bislang rund eine Milliarde Euro veranschlagt. Wenn sich weitere Menschen impfen lassen wollten, sollen die Kassen die Kosten von Bund und Ländern erstattet bekommen. Dagegen wehren sich die Länder.

Das Oktoberfest soll durch die Schweinegrippe nicht beeinträchtigt werden. Der bayerische Gesundheitsminister Markus Söder (CSU) sieht Schuljahresbeginn und Oktoberfest gelassen entgegen. "Es gibt keinen Anlass zu Panik, es gibt aber immer Anlass zu Sorgfalt", sagte er in München. Bayern schaffe Impfstoff für 40 Prozent der Bevölkerung an, und für 30 Prozent habe man antivirale Medikamente. Dies sei aus heutiger Sicht mehr als ausreichend.

Weitere aktuelle Berichte, Bilder und Links zum Thema Schweinegrippe (Neue Grippe) finden Sie auf unserer Sonderseite

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Nutzen Antibiotika bei Dentaleingriffen?

Patienten mit Herzklappen-Ersatz haben nach zahnärztlichen Eingriffen womöglich ein erhöhtes Risiko für infektiöse Endokarditiden. Doch wie groß ist es und schützen Antibiotika? mehr »

"Die Haltung der Kassen ist irrational"

Die Vertragsärzte kauen schwer am schwachen Ergebnis der Honorarverhandlungen für 2018. Es sei fraglich, ob der aktuelle Mechanismus auf Dauer ein geeignetes Preisfindungsinstrument sei, so KBV-Chef Dr. Andreas Gassen. mehr »

Medizin vor Ökonomie - Kodex soll Prioritäten klarmachen

Medizinische Fachgesellschaften treten gegen die Ökonomisierung der Medizin an – mit einem Kodex. mehr »