Ärzte Zeitung online, 25.11.2009

Schweinegrippe überschattet die Pilgerfahrt

DSCHIDDA/ISTANBUL (dpa). Mit Plastiktaschen ziehen die Pilger durch den Flughafen von Istanbul. Die frommen Moslems tragen das weiße, nahtlose Pilgergewand, die Frauen farbige Kopftücher. Verloren blicken sie sich in der modernen Flughafenhalle um. Sie sind auf der "Reise ihres Lebens". Mit Turkish-Airlines wollen sie nach Saudi-Arabien fliegen, um die große Wallfahrt, den "Hadsch", zu absolvieren. An diesem Donnerstag erreicht er seinen Höhepunkt.

Das Gedränge am Schalter von Turkish-Airlines ist groß, obwohl dieses Jahr wegen der Angst vor der Schweinegrippe weniger Pilger nach Mekka reisen als sonst. Im vergangenen Jahr hatten fast drei Millionen "Hadschis" die beschwerliche Reise nach Mekka und Medina auf sich genommen. Dieses Jahr haben sich nur etwa 1,6 Millionen Pilger aus dem Ausland und rund 500 000 Muslime aus Saudi-Arabien für die Wallfahrt angemeldet. Der tunesische Staat hat seinen Bürgern in diesem Jahr sogar verboten, die Wallfahrt zu unternehmen. Damit soll verhindert werden, dass sich die Tunesier an den heiligen Stätten im Gedränge mit dem H1N1-Virus infizieren, was anschließend zu einem Anstieg der Zahl der Erkrankungen in Tunesien führen könnte.

Die frommen Muslime aus Usbekistan und China, die an diesem kühlen Herbstabend das Flugzeug in Richtung Dschidda besteigen, lassen sich von solchen Überlegungen nicht abschrecken. Die meisten von ihnen sind alt, haben lange für die Reise gespart. Sie tragen im Gegensatz zu den vielen türkischen Pilgern keinen Mundschutz.

Das Nachsehen haben an diesem Abend vier europäische Reisende, die ebenfalls Tickets für den Flug in die saudische Hafenstadt Dschidda gekauft hatten. Sie dürfen nicht mitfliegen: "Dieser Flug ist reserviert für Pilger", teilt ein Mitarbeiter der Fluggesellschaft den verblüfften Reisenden mit. Er bietet ihnen ersatzweise Sitze auf der nächsten Maschine an, die in die 850 Kilometer von Dschidda entfernte saudische Hauptstadt Riad fliegt. "Was soll ich in Riad? Ich komme aus Basel und muss in Dschidda eine PVC-Fabrik in Betrieb nehmen", schimpft der Schweizer Ingenieur Domenic Geisseler. Doch es hilft nichts.

Denn in den Wochen vor dem islamischen Opferfest, wenn die "Hadschis" aus aller Welt gen Mekka ziehen, herrscht in Saudi-Arabien Ausnahmezustand. "Brauchst du einen Flug, na dann viel Glück!", titelte die saudische Zeitung "Arab News" in der vergangenen Woche. "Bis zum Opferfest gibt es auf Inlandsflügen keine freien Plätze mehr", sagte ein Reisebürobesitzer dem Blatt.

Die Pilger aus dem Ausland reisen derzeit meist über Dschidda ein und werden von dort mit Bussen in ihre Hotels in Mekka oder Medina gebracht, um dort mit den Wallfahrts-Ritualen zu beginnen, die sich dann über mehrere Tage erstrecken. Um den Strom der Pilger effektiver zu steuern, plant die saudische Führung jedoch in den kommenden Jahren den Bau eines großen internationalen Flughafens in Medina. Ingenieure der deutschen Dorsch Gruppe haben dafür im vergangenen März einen Masterplan erstellt. Doch, wer letztlich den Auftrag für den Bau des neuen Flughafens erhalten wird, ist noch unklar.

Neben der Angst vor der Schweinegrippe und den logistischen Herausforderungen treibt die saudischen Organisatoren des "Hadsch" in diesem Jahr aber auch noch eine andere Sorge um. Die Führung des schiitischen Gottesstaates Iran und das sunnitische Herrscherhaus der Familie Ibn Saudi von Saudi-Arabien haben sich über die Medien in den vergangenen Wochen mehrfach verbale Scharmützel geliefert, was die Angst vor politischen Spannungen zwischen den Pilgern geweckt hat. "Es verstößt gegen die Lehre des Islam, die Wallfahrt für politische Zwecke zu nutzen", warnte am Dienstag der Großmufti von Saudi- Arabien, Scheich Abdulasis al-Alscheich. Der iranische Präsident Mahmud Abmadinedschad hatte seinerseits vor einigen Wochen erklärt, die iranischen Pilger dürften an den heiligen Stätten nicht diskriminiert werden. 1987 hatten iranische Pilger in Mekka gegen die USA demonstriert. Damals kam es zu Zusammenstößen mit den saudischen Sicherheitskräften, mehr als 400 iranische Pilger wurden getötet.

Abu Bakr, ein Pilger aus Tschetschenien, der diese Woche von der saudischen Zeitung "Al-Medina" interviewt wurde, hat mit alle dem nichts zu tun. Er hat weder Angst vor Demonstrationen noch vor der Schweinegrippe. Und Flughäfen braucht er schon gar nicht. Denn er ist von seiner Heimat aus zu Fuß nach Mekka gelaufen, quer durch die Türkei, durch Syrien und Jordanien nach Mekka, "wie zur Zeit der frühen Pilgerkarawanen".

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