Ärzte Zeitung, 11.12.2009

"So eine Massenimpfung gab es bisher nicht"

Über so ein komplexes medizinisches Thema wie die Impfung gegen die Neue Grippe muss die Öffentlichkeit besonnen informiert werden, sagt Professor Torsten Strohmeyer vom Pandemrix®-Hersteller GlaxoSmithKline. Im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" kritisiert er die vielen unsachlichen Beiträge dazu in den Medien.

"Ärzte Zeitung": Immer wieder gibt es Vorwürfe zu Pandemrix®: zu langsam produziert, zu unsicher. Was sagen Sie dazu?

Professor Torsten Strohmeyer: Unser H1N1-Impfstoff Pandemrix® war der in Deutschland erste und lange Zeit einzige überhaupt verfügbare Impfstoff gegen die Neue Grippe. Auf der Grundlage jahrzehntelanger Forschung mit Grippeimpfstoffen ist es uns gelungen, Pandemrix® in nur fünf Monaten auf Basis des Saatvirus und unter Einbringung unserer umfangreichen Erfahrungen bei der Entwicklung des Vogelgrippeimpfstoffs zu entwickeln und herzustellen. Bei dramatischerem Verlauf der Pandemie hätte allein dieser Zeitvorsprung das Leben tausender Menschen retten können. Dass die Herstellung der bestellten 50 Millionen Dosen nicht von heute auf morgen, sondern mit wöchentlichen Auslieferungen sukzessive bis ins erste Quartal 2010 erfolgt, war den Vertragspartnern klar. Was von den Medien und einigen unermüdlichen Pharmakritikern diesbezüglich hochstilisiert wurde, entbehrte jeglichen Wissens über die Zulassungsprozesse und die Produktionslogistik eines Impfstoffes.

Dasselbe gilt für die ebenfalls medial angefeuerte und fehlgesteuerte Sicherheitsdiskussion, die im Wesentlichen fernab von jeder medizinischen Evidenz verlaufen ist. Gerade das oft thematisierte Adjuvans-System AS03 wurde im Rahmen von mehreren Grippe-Studien an insgesamt über 41 000 Probanden getestet und erwies sich als gut verträglich. Auf diesen und weiteren Daten baute auch die Zulassung von Pandemrix® auf. Die ergänzenden Einschätzungen sowohl des Paul-Ehrlich-Instituts, der europäischen Behörden als auch der WHO nach der Zulassung haben das positive Nutzen-Risiko-Verhältnis von Pandemrix® bis zum heutigen Zeitpunkt immer wieder untermauert. Zusätzlich haben wir ein umfangreiches klinisches Studienprogramm aufgesetzt, das über die Programme beispielsweise zu klassischen saisonalen Impfstoffen weit hinausgeht.

"Ärzte Zeitung": Viele Menschen gieren nach (negativen) Sensationen. Hätte die Diskussion etwa um die Sicherheit des Impfstoffes überhaupt verhindert werden können?

Strohmeyer: Pandemrix® ist verständlicherweise zu einem öffentlichen Gut geworden, das jeden angeht. Da trifft ein komplexes medizinisches und allgemein schwer zu vermittelndes Thema auf ein hohes öffentliches Interesse bei der Bevölkerung, die - ähnlich wie übrigens die Ärzteschaft - einen durchaus sehr unterschiedlichen Wissensstand zum Thema "Grippe und Impfung" hat.

Diese Situation erfordert in besonderem Maße besonnene Information und Aufklärung. Dieses war nun allerdings vielfach nicht die Absicht der sich überschlagenden Berichterstattung: Das betrifft im Übrigen nicht nur die Arbeit der oft fachfremden Publikums-Journalisten, die sich plötzlich mit diesem Thema beschäftigen mussten und auf diese Weise gewollt oder ungewollt zu einer oft unsachlichen und dramatisierenden Diskussion um die Impfung beigetragen haben. Vielmehr waren es auch oft selbst ernannte Experten, die sich mehr zu eigenen Befindlichkeiten als zum wissenschaftlichen Sachstand äußerten. Das ist leider erst sehr spät von vielen namhaften Experten und zuständigen Institutionen aus Wissenschaft und Politik kritisiert worden. In der "Medienstory" zur Pandemie-Impfung ging es - bis auf einige löbliche Ausnahmen - weniger um Tatsachen und Aufklärung als vielmehr um eine Polemisierung und Dramatisierung, die letztendlich Schaden angerichtet haben.

Wir haben unsererseits den Anspruch, mit den uns möglichen Kommunikationsmitteln sämtliche Fakten und alle aktuellen medizinischen Informationen über unser Produkt zeitnah an Medien und interessierte Gruppen zu vermitteln. Zu Letzteren gehören natürlich auch die für die Impf-Kampagne und Aufklärung verantwortlichen Länder.

"Ärzte Zeitung": Welche Anlaufstellen zu Informationen hat GSK selbst eingerichtet (Hotline? Mail-Adresse?)

Strohmeyer: Eine Massenimpfung wie gegen die Neue Grippe hat es in diesem Umfang bislang noch nicht gegeben. Auch dieser Aspekt hat das öffentliche Interesse gesteigert. Zwangsläufig kommt es auch bei einem gut verträglichen Impfstoff bei einer so breiten Anwendung zu Meldungen von Nebenwirkungen und von Verdachtsfällen möglicher Nebenwirkungen in zeitlichem Zusammenhang mit der Impfung, letztere mitunter auch forciert durch eine mediale "Sensibilisierung". Darauf haben wir uns eingestellt und die Abteilung Arzneimittelsicherheit personell erheblich aufgestockt. So stellen wir sicher, dass jeder eingehende Verdachtsfall einer unerwünschten Wirkung sofort aufgenommen und umgehend in engem Austausch mit den Behörden aufgearbeitet wird.

Zusätzlich haben wir unsere Informationsangebote erweitert: Die Internetseite www.gsk-pandemie.de wurde eingerichtet und bietet zielgruppenspezifisch stets aktuelle Informationen und Daten über unseren Impfstoff und beantwortet die am häufigsten gestellten Fragen. Hier gibt es auch Kontakt- und Dialogangebote per Mail und Telefon. Zudem gibt es für Ärzte eine Hotline über unser hausinternes Informations- und Service-Center. Journalisten können über eine weitere Hotline umfangreiches und tagesaktuelles Informationsmaterial anfordern und erhalten Antworten auf ihre Fragen. Bei allem verfolgen wir eine konsequente, evidenzbasierte und transparente Kommunikation im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben.

"Ärzte Zeitung": Was sind denn die häufigsten Anfragen, mit denen Sie und Ihre Mitarbeiter konfrontiert werden?

Strohmeyer: Viele Fragen drehen sich um das Adjuvans-System, das Nebenwirkungsprofil, um den Einsatz bei Schwangeren und Kindern sowie zur Einfach- oder doppelten Impfung.

Alles nachvollziehbare Fragen, die wir - sofern sie unser Produkt betreffen - gerne beantworten oder aber an die Zuständigkeiten und auf die Informationsangebote des PEI, des RKI oder der STIKO verweisen. Jeder hat bislang eine Antwort erhalten.

Das Interview führte Wolfgang Geissel

GSK-Informations -und Dialogangebote zum Pandemie-Impfstoff Pandemrix®:

Internet: www.gsk-pandemie.de
www.glaxosmithkline.de

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" Zur H1N1-Impfung wird oft mehr polemisiert und dramatisiert als aufgeklärt." Professor Torsten Strohmeyer Leiter Forschung & Medizin bei GlaxoSmithKline Deutschland

Hotline für Ärzte Tel.: 08 00 / 122 33 55
Informations- und Service Center
GlaxoSmithKline Hotline für Medien
Tel.: 08 00 / 360 5000

Zur Person

Zur H1N1-Impfung wird oft mehr polemisiert und dramatisiert als aufgeklärt.

Professor Torsten Strohmeyer

Leiter Forschung & Medizin bei
GlaxoSmithKline Deutschland

Professor Torsten Strohmeyer ist Facharzt für Urologie und hat an den Universitäten von Düsseldorf und Los Angeles gelehrt. Als Onkologe war er für die Unternehmen Schering und Bristol-Myers Squibb tätig. Seit 2004 leitet der 51-Jährige den Bereich Forschung & Medizin beim Unternehmen GlaxoSmithKline in München.

[11.12.2009, 16:46:55]
Prof. Dr. Volker von Loewenich 
Schweinegrippe: Stellungnahmen
Man konnte beobachten, was herauskommt, wenn selbsternannte Experten die Öffentlichkeit beeinflussen.
Was einige Ärzte-Funktionäre hier geboten haben, ist beschämend. Wenn man ein verdienter Berufspolitiker ist, dann ist man nicht auch gleichzeitig kompetent für medizinische Sachverhalte, vorzugsweise aus anderen Fachgebieten. Es wäre manches besser, wenn jeder von uns nur über das redet, wovon er etwas versteht, öffentlich und, nicht zu vergessen, auch im Patientengespräch. zum Beitrag »

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