Ärzte Zeitung online, 28.05.2010

Neue Waffe gegen hochresistente Keime

BONN (eb). Ein Wirkstoff aus Pilzen und niederen Tieren eignet sich womöglich als schlagkräftige Waffe gegen gefährliche Bakterien. Die Rede ist von Plectasin, einem Eiweißmolekül, das selbst hochresistente Keime zerstören kann, wie Forscher der Uni Bonn berichten.

Immer mehr Bakterien sprechen auf gängige Antibiotika nicht mehr an. Das betrifft vor allem methicillin-resistente Staphylokokken (MRSA). Gegen sie sind die herkömmlichen antibiotischen Waffen inzwischen weitgehend stumpf. Nach Schätzungen von Epidemiologen erkrankt bereits jeder zweite intensivmedizinisch behandelte Patient in den USA an einer MRSA-Infektion.

Plectasin könnte die Kräfteverhältnisse wieder zugunsten der Mediziner zurechtrücken. Wie das gelingen kann, haben jetzt die Bonner Forscher mit Kollegen aus Dänemark und den Niederlanden untersucht. Demnach stört Plectasin die Bildung der Bakterienzellwand, so dass sich die Erreger nicht mehr teilen können.

Plectasin verhält sich dabei wie ein Dieb, der einem Maurer die Steine klaut. "Es heftet sich an den Zellwand-Bestandteil Lipid II und verhindert so, dass dieser eingebaut wird", erklärt der Bonner Forscher Professor Hans-Georg Sahl. "Ohne Zellwand sind Bakterien aber nicht lebensfähig." Kein Wunder, dass das wohl bekannteste Antibiotikum Penicillin ebenfalls die Zellwand-Synthese behindert.

Plectasin ähnelt in seiner Wirkungsweise jedoch eher dem ebenfalls weit verbreiteten Vancomycin. Vancomycin galt seit den 80er Jahren im Kampf gegen MRSA-Stämme als Mittel der Wahl. Inzwischen gibt es jedoch mehr und mehr Bakterien, die auch gegen Vancomycin resistent sind. "Gegen Plectasin sind diese Stämme jedoch noch empfindlich", betont Dr. Tanja Schneider, die an dem Projekt mitgearbeitet hat. Dennoch sei auch mit der neuen Substanz das Resistenz-Problem nicht auf Dauer gelöst. "Es ist immer nur eine Frage der Zeit, bis die Erreger mutieren und ihnen auch die neuen Medikamente nichts mehr anhaben können", sagt sie. "Das ist ein ewiges Wettrüsten."

Plectasin wurde im Rahmen einer Studie der dänische Firma Novozymes entdeckt. Es gehört zu den so genannten Defensinen. Diese Abwehrmoleküle sind bei Pilzen, Tieren und wohl auch bei Pflanzen weit verbreitet. Der Mensch bildet beispielsweise Defensine auf seiner Haut und erstickt so viele Infektionen bereits im Keim. Defensine töten jedoch nicht nur Krankheitserreger, sondern alarmieren auch das Immunsystem. Daher setzt die Pharmabranche in sie besonders große Hoffnungen.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Alltags-Chemikalien schaden dem Sperma

In einer Studie an Spermien haben Forscher schädliche Effekte von Alltagschemikalien festgestellt. Problematisch: Die Einzelstoffe potenzieren ihre Wirkung gegenseitig. mehr »

Das läuft falsch bei der Diabetes-Vorsorge

Viele Versuche, Diabetes und Adipositas vorzubeugen, sind zum Scheitern verurteilt: Gesundheitstage an Schulen und eine Zuckersteuer gehören dazu. Diabetes-Experte Prof. Stephan Martin würde die Ressourcen anders verteilen. mehr »

Vorsicht vor E-Mail-Anhängen und Links!

Die meisten Cyber-Angriffe laufen über das elektronische Postfach - daher ist ein gesundes Misstrauen bei jeder E-Mail wichtig, betont Sven Weizenegger. Der Profi-Hacker gibt im Interview Tipps, worauf zu achten ist. mehr »