Ärzte Zeitung, 30.10.2006

HINTERGRUND

Ein äußerst virulenter Tuberkulose-Stamm läßt HIV-Infizierten in Südafrika kaum eine Chance

Von Thomas Müller

Ohne Therapie brauchen Tuberkulose-Bakterien normalerweise mehrere Jahre, um die Lunge eines Erkrankten zu zerstören. Bei HIV-Patienten geht es deutlich schneller. Doch in nur vier Wochen, das ist selbst für HIV-Patienten ungewöhnlich rasant. Viel mehr Zeit bleibt aber Aids-Kranken nicht, die in Südafrika an einem extrem aggressiven, multiresistenten und offenbar auch recht kontagiösen Tuberkulose-Stamm erkrankt sind. Der Erreger scheint sich vor allem in Krankenhäusern auszubreiten. TB-Experten befürchten, daß es in den kommenden Jahren weltweit zu ähnlichen Ausbrüchen mit extrem resistenten TB-Stämmen kommt.

Ein Makrophage (blau) frißt Tuberkulose-Bakterien (rot). Solche Bakterien sind zunehmend multiresistent gegen Antibiotika. Foto: V. Brinkmann / MPI für Infektionsbiologie

Offenbar gibt es Ausbrüche in mehreren Dörfern

Zu den ersten Erkrankungen mit den extrem multiresistenten Bakterien, kurz XDR-Erreger genannt, kam es zunächst in der südafrikanischen Provinz KwaZulu-Natal (wir berichteten). Seither breitet sich der TB-Stamm auch in anderen Provinzen immer mehr aus. Dabei sollen mindestens 74 Menschen gestorben sein. Es kam offenbar zu regelrechten Ausbrüchen in einigen Dörfern, sagte Dr. Clifton E. Berry vom National Institute of Allergy and Infectious Diseases in Bethesda in den USA. "Das ist erstaunlich, denn normalerweise sind resistente Stämme nicht so virulent wie nicht-resistente Stämme", so Berry bei einem TB-Symposium von Novartis in St. Petersburg. Es bestehe die Gefahr, so Berry, daß dieser aggressive Stamm in Asien und in Rußland ähnlich geeignete Bedingungen findet wie in Südafrika.

Ein Grund dafür ist die enge Verquickung von TB und HIV. Wenn in Afrika südlich der Sahara ein HIV-Infizierter stirbt, dann meist an Tuberkulose. TB ist die Haupt-Todesursache bei Aids-Kranken in diesen Ländern. Umgekehrt gilt: Die meisten der TB-Kranken haben auch HIV. In der Provinz KwaZulu-Natal in Südafrika sind etwa 80 Prozent der TB-Kranken mit HIV koinfiziert, 40 Prozent dieser Patienten sterben normalerweise innerhalb eines Jahres, berichtet Dr. Neel Gandhi in der Online-Ausgabe der Zeitschrift "The Lancet". Nach den Daten, die er zusammen mit südafrikanischen Kollegen in der Zeitschrift veröffentlicht hat, müssen diese Mortalitäts-Zahlen wohl revidiert werden: Der jetzt isolierte TB-Stamm tötet praktisch alle Erkrankten in nur wenigen Wochen.

      Der Erreger tötet fast alle TB-Kranken in kurzer Zeit.
   

Bei einer aktuellen Untersuchung von über 540 Patienten mit TB-positiven Sputum-Kulturen in KwaZulu-Natal war knapp die Hälfte der Patienten mit Stämmen infiziert, die gegen mindestens zwei der First-Line-Antibiotika resistent waren. 53 dieser Patienten, das sind knapp zehn Prozent, hatten XDR-Stämme, also Erreger, die zudem gegen zwei Second-Line-Antibiotika, wie Aminoglykoside und Fluorchinolone, resistent waren. Alle Patienten bis auf einen starben in kurzer Zeit an TB, und zwar im Schnitt 30 Tage nach der Sputum-Entnahme und 16 Tage nach der Diagnose. Und: Bei fast allen Patienten konnte in genetischen Tests ein und derselbe XDR-TB-Stamm nachgewiesen werden.

Zudem war die Hälfte der Patienten mit dem XDR-Stamm zuvor nicht antibiotisch behandelt worden. Die Resistenz kann sich also bei ihnen nicht entwickelt haben, sie müssen sich bereits mit dem resistenten Stamm infiziert haben. Da die meisten der Patienten zudem in derselben Klinik gegen Aids behandelt worden waren, geht Gandhi davon aus, daß sie sich dabei untereinander mit TB angesteckt haben. Dafür spricht auch, daß sechs der Toten zum Pflegepersonal der Klinik zählten.

Extreme Resistenz entwickelte sich innerhalb von zehn Jahren

Richtig neu ist der XDR-Stamm nicht. Neu ist nur seine extreme Resistenz gegen fast sämtliche verfügbaren Antibiotika und seine hohe Virulenz. Der KwaZulu-Natal-Stamm tauchte bereits 1996 in der Region auf und war damals noch nicht oder kaum resistent, berichtet Gandhi. Doch in den letzten zwei bis drei Jahren wurden nicht nur Resistenzen gegen First-Line-Antibiotika entdeckt, sondern zunehmend auch gegen Second-Line-Antibiotika. Als Hauptgründe dafür nennt Gandhi die unkontrollierte Verwendung von Second-Line-Antibiotika und die hohe Abbruchrate bei einer TB-Therapie - sie liegt bei über 60 Prozent bei Patienten mit zweifach-resistenten Keimen, also Patienten, die eine längere und intensivere Therapie brauchen als Patienten mit sensitiven Keimen.

Auch in Europa tauchen seit einigen Jahren vereinzelt XDR-Stämme auf. So zählt bereits ein Fünftel der multiresistenten Stämme in Lettland zu den XDR-Erregern. Solche Patienten lassen sich zwar mit Reserve-Antibiotika wie Linezolid und Capreomycin noch heilen, allerdings, so Berry, zu Therapiekosten von 20 000 bis 30 000 Euro pro Patient. Für Menschen in Entwicklungsländern ist das praktisch unbezahlbar.

Lesen Sie dazu den Kommentar:
Teufelskreis TB-Resistenz

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Experten befürchten Verbreitung extrem resistenter TB-Erreger

STICHWORT

Tuberkulose-Resistenz

Jährlich erkranken weltweit acht Millionen Menschen neu an Tuberkulose. Bei 300 000 von ihnen sind die Erreger gegen zwei der wichtigsten TB-Antibiotika, Rifampicin und Isoniazid, resistent. Knapp 80 Prozent dieser Keime sind sogar gegen mindestens drei gebräuchliche Antibiotika unempfindlich. Als extrem multiresistent (XDR) gelten TB-Bakterien nach einer neuen WHO-Definition, wenn sie sowohl auf Rifampicin und Isoniazid als auch auf Fluorchinolone nicht mehr ansprechen und zugleich resistent sind gegen eines von den parenteral verabreichten Antibiotika Amikacin, Capreomycin oder Kanamycin. Weltweit sind nach WHO-Angaben ein bis drei Prozent der TB-Patienten mit XDR-Stämmen infiziert. (mut)

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