Ärzte Zeitung, 22.10.2007

HINTERGRUND

Multiresistente Tuberkulose-Stämme bereiten den Experten zunehmend Sorgen

Von Bülent Erdogan

 Multiresistente Tuberkulose-Stämme bereiten den Experten zunehmend Sorgen

Auf der Jagd nach dem Erreger: Experten warnen vor einer unkontrollierten Verbreitung multiresistenter Tuberkulosestämme aus Osteuropa.

Foto: imago

Es muss ziemlich genau vor fünf Jahren gewesen sein, als Andrea Virnich merkt, dass mit ihr etwas nicht stimmt. Im ganzen Körper spürt sie zunehmend Schmerzen. Und die Beschwerden werden immer schlimmer. Die zierliche junge Frau rennt von Arzt zu Arzt, doch niemand kann ihr helfen. Erst ein halbes Jahr später stellt ein Mediziner fest, dass die Medienmacherin an Morbus Crohn leidet. Eine Diagnose, die Virnich beinahe mit ihrem Leben bezahlt. Denn der wahre Grund für ihre Beschwerden ist ein heimtückischer und doch fast vergessener Bazillus: die Tuberkulose.

Virnichs Zustand verschlechtert sich zusehends. Irgendwann wiegt sie nur noch 40 Kilogramm. "Ich aß und trank kaum noch, weil es so wehtat", sagt die 1975 in Südafrika geborene Berlinerin. Und die Medikamente, die Virnich wegen des diagnostizierten Morbus Crohn nehmen muss, schwächen ihr Immunsystem zusätzlich.

Erst ein Röntgenbild bringt die Ärzte auf die richtige Spur

Schließlich wird es kritisch. Nachdem die Ärzte Virnich immer wieder vertrösten, entschließen sie sich zu einer Operation. Erst ein vorbereitendes Röntgenbild bringt die Mediziner dann per Zufall auf die richtige Spur. Inzwischen ist es November 2005. Die Diagnose: Miliare Tuberkulose; die Rettung. Nach monatelangem Klinikaufenthalt und medikamentöser Therapie ist Virnich Mitte 2006 schließlich geheilt.

Das Beispiel Virnichs zeigt, wie gefährlich die Tuberkulose auch in Deutschland noch immer ist. Zwar gehen die Infektionszahlen konstant zurück. 2006 waren es noch 5400 Neuerkrankungen, ein Rückgang von zehn Prozent im Vergleich zu 2005. Doch verschwindet die Krankheit damit auch aus dem öffentlichen Bewusstsein. "Die Gefahr liegt darin, dass Ärzte in Deutschland nicht mehr an Tuberkulose denken", sagt Dr. Timo Ulrichs, Mikrobiologe und Referent im Bundesgesundheitsministerium. Viele Ärzte kommen im Alltag überhaupt nicht mehr mit TB-Kranken in Berührung. "Wir haben weiter ein Problem mit Tuberkulose", lautet daher sein Fazit.

Doch das ist nur ein Teil des Problems: Der Generalsekretär des Deutschen Zentralkomitees zur Bekämpfung der Tuberkulose (DZK), Professor Robert Loddenkemper, sieht handfeste strukturelle Defizite bei der Versorgung in Deutschland. So fielen viele Menschen durch das Gesundheitsnetz, bemängelt er. Das betreffe etwa therapierte Häftlinge nach ihrer Entlassung, Illegale oder Menschen, die sich die Praxisgebühr von zehn Euro im Quartal oder Rezeptgebühren für Antibiotika nicht leisten könnten. Hier gelte es, Lösungen zu finden. Zudem zeige Europa nicht die gleiche Ernsthaftigkeit im Kampf gegen die Krankheit wie die USA.

Weitere Sorge bereitet Experten wie Loddenkemper außerdem die Entwicklung in den Anrainerstaaten der Europäischen Union. Nach Schätzungen kommen dort auf 100 000 Menschen durchschnittlich 103 Neu-Infizierte pro Jahr. Noch schlimmer sieht es gar bei den Neumitgliedern Rumänien oder Bulgarien aus. Hier sind es mehr als 140 Infektionen auf 100 000 Einwohner. Zum Vergleich: Die durchschnittliche Infektionsrate unter den Euro-12-Ländern liegt bei 15 Infektionen pro 100 000 Einwohnern, in Deutschland liegt sie bei etwa sieben.

Damit nicht genug: Immer häufiger erkranken in Osteuropa Menschen mit multiresistenten oder extrem resistenten Stämmen (MDR-TB/XDR-TB). Letztere gelten bereits als nahezu untherapierbar. Die WHO geht davon aus, dass bei sieben Prozent der von Ärzten in Europa behandelten Tuberkulose-Patienten die derzeit verfügbaren Medikamente praktisch unwirksam sind.

Experten sind besorgt über multiresistente Stämme

Gesundheitspolitiker und Forscher hoffen daher auf neue Medikamente. Doch diese allein können keine Lösung sein, warnt der Regionalberater für Europa der Weltgesundheitsorganisation WHO Dr. Richard Zaleski. Ohne ein besseres TB-Management würden auch diese irgendwann unwirksam werden. 2006 beschloss die WHO daher eine neue Strategie im Kampf gegen die Krankheit. Im Mittelpunkt steht außer der Pharmakotherapie eine Stärkung der Gesundheitssysteme und ihrer Infrastruktur, die Schulung des Personals und eine bessere Zusammenarbeit mit Betroffenengruppen. Damit soll insbesondere die Zahl der Therapieabbrüche verringert werden.

Wie sich Andrea Virnich angesteckt hat, hat sie nie herausgefunden. "Zum Glück hat sich niemand in meiner Familie oder unter meinen Freunden angesteckt", sagt sie erleichtert.

STICHWORT

Multiresistente Tuberkulose

2005 erkrankten in Europa rund 445 000 Menschen an der "Armutskrankheit" Tuberkulose, 66 000 Menschen starben an den Folgen. Besonders die Entwicklung bei multiresistenten und extrem multiresistenten Stämmen lässt Experten Alarm schlagen. So sind die Erreger bei jährlich bis zu einer halben Million Menschen weltweit, die neu an TB erkranken, multiresistent, und zwar gegen die wichtigsten Erstlinien-Antibiotika Rifampicin und Isoniazid. Knapp 80 Prozent der Keime sind gegen mindestens drei gebräuchliche Mittel resistent.

Als extrem multiresistent (XDR) gelten Keime, wenn sie sowohl auf Rifampicin und Isoniazid als auch auf Fluorchinolone nicht mehr ansprechen und resistent sind gegen Amikacin, Capreomycin oder Kanamycin.

(mut/ble)

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