Ärzte Zeitung, 15.09.2015

Infektiologen warnen

Tuberkulose wieder auf dem Vormarsch

Angesichts des Flüchtlingsstroms rechnen Infektiologen damit, dass sich Tuberkulose weiter ausbreiten könnte. Die Zahl der Fälle habe sich gegenüber 2014 verzweifacht, heißt es. Sie warnen auch vor Infektionen mit neuen multiresistenten Keimen.

WEIMAR. Das Robert-Koch-Institut (RKI) hat bereits im März über eine sprunghafte Zunahme Tuberkulose-Infizierter unter Asylbegehrenden im Jahre 2014 berichtet.

"Nun haben wir eine Verzweieinhalbfachung der Tuberkulosefälle gegenüber 2014", sagte der Infektiologe Professor Tobias Welte, Hannover, beim Sepsis-Update in Weimar.

"Praktisch alle Tuberkulose-Betten in den pneumologischen Kliniken sind belegt. Wir sehen die ersten Tb-Patienten auf Intensivstationen."

Auch an Tuberkulose denken!

Tuberkulose (Tb) sei aus dem Bewusstsein deutscher Ärzte fast verschwunden. Nun müsse man sich wieder "sehr entschieden" mit dem Krankheitsbild auseinandersetzen.

In Berlin und Heidelberg würden bereits neue Tb-Stationen eröffnet. Vor allem bei Migranten, die mit Zeichen einer ambulant erworbenen Pneumonie vorstellig werden, müsse unbedingt an eine Tb gedacht werden.

Wenn folgende fünf Kriterien bei ihnen vorliegen, ist mit zu 90 Prozent von einer Tb auszugehen: Nachtschweiß, Bluthusten, Gewichtsverlust, Exposition gegenüber Mycobacterium tuberculosis und ein nekrotisierendes Oberlappeninfiltrat im Röntgen-Thorax. Tb-Hochprävalenzländer sind nach Angaben des RKI Somalia, Eritrea, Syrien, Serbien und Kosovo.

Gramnegative Bakterien werden zum Problem

Ein weiteres Problem sind sich rasch verändernde Keimspektren bei infizierten Patienten. "Wir sehen seit einigen Wochen in den Mühlenkreiskliniken Keime, die ich bislang nur aus dem Lehrbuch kannte", erklärte Laborleiter Professor Franz-Josef Schmitz.

Ein besonderes Problem sind gramnegative Bakterien, die ESBL bilden. Diese Enzyme spalten nicht nur Penicilline, sondern auch Cephalosporine der Gruppe 3. Auf Cefoxitin scheinen ESBL-Bildner sensibel zu sein, so Schmitz.

ESBL kommen vor allem bei E. coli und Klebsiella vor. Ein wesentlicher Unterschied zu MRSA-kolonisierten Patienten: Mit ESBL-bildenden Keimen kolonisierte Patienten können nicht saniert werden!

Denn ESBL sind plasmidkodiert und können sowohl innerhalb einer Spezies als auch zwischen verschiedenen bakteriellen Spezies transportiert werden. Die Weitergabe erfolgt per Schmierinfektion.

ESBL-bildende Keime haben sich zwischen 2001 und 2007 weltweit äußerst rasch verbreitet. In Europa besteht ein starkes Süd-Nord-Gefälle: "90 Prozent der Migranten, die jetzt über die Balkanroute zu uns kommen, sind mit hoher Wahrscheinlichkeit mit multiresistenten Erregern wie ESBL-bildenden Keimen besiedelt", sagte Welte.

Er und Schmitz forderten Ärzte in Kliniken und Niederlassung zu einem achtsamen Umgang mit Antibiotika auf. Sie kritisierten besonders den übermäßigen Einsatz von Carbapenemen seit Auslauf des Patentschutzes. Dieses Verhalten verschärfe die Resistenzproblematik. (ner)

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