Ärzte Zeitung online, 30.10.2017
 

Welt-Tuberkulose-Bericht

WHO: Zu wenig Fortschritte im Kampf gegen TB

Das Fazit des Welt-Tuberkulose-Berichts der WHO fällt negativ aus: Die internationalen Anstrengungen reichten nicht, um den Kampf gegen die Epidemie zu gewinnen.

WHO: Zu wenig Fortschritte im Kampf gegen TB

Mykobakterien: 2016 haben sich nach Schätzungen 10,4 Millionen Menschen mit Tuberkulose infiziert, etwa so viele wie im Jahr zuvor. Erkannt und gemeldet wurden aber erneut weniger als Zweidrittel der Fälle.

© Tatiana Shepeleva / Fotolia

GENF. Der Kampf gegen die Tuberkulose-Epidemie geht verloren, wenn die internationalen Anstrengungen nicht verstärkt werden. Das berichtete die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Ziel ist es, die Zahl der Todesfälle bis 2030 um 90 Prozent und die Zahl der Neuansteckungen um 80 Prozent im Vergleich zu 2015 zu senken. "Der Fortschritt ist nicht groß genug, um diese Ziele zu erreichen", resümieren die Autoren des Welt-Tuberkulose-Berichts.

Die Fakten: 2016 haben sich nach Schätzungen 10,4 Millionen Menschen infiziert, etwa so viele wie im Jahr zuvor. Erkannt und gemeldet wurden aber erneut weniger als Zweidrittel der Fälle. 56 Prozent der neuen TB-Fälle entfallen auf fünf Länder: Indien, Indonesien, China, die Philippinen und Pakistan. Die Zahl der Todesopfer sank leicht von 1,4 Millionen auf 1,3 Millionen bei Menschen ohne HIV/Aids. Unter HIV/Aids-Patienten starben rund 374.000, nach rund 400.000 im Jahr zuvor. Ein großes Problem bleibe die wachsende Resistenz gegen Medikamente; bei 490.000 (2015: 480.000) neuen Patienten wirkten mehrere Medikamente nicht.

Die meisten TB-Todesfälle könnten durch frühe Diagnose und Behandlung vermieden werden, so die WHO. Zwar wurden 85 Prozent mehr gefährdete Kinder unter fünf Jahren präventiv behandelt als im Jahr davor, damit allerdings immer noch nur 13 Prozent der 1,3 Millionen Kinder, die dies nötig hätten. Es fehle Geld für Prävention und Behandlung, 2017 allein 2,3 Milliarden Dollar. Die Entwicklung neuer Tests, Medikamente und eines Impfstoffs komme zu langsam voran. Die Rate der Neuansteckungen falle um zwei Prozent im Jahr, schreibt die WHO. Nötig seien jedoch vier bis fünf Prozent, um das 2030-Ziel zu erreichen. Da die Erdbevölkerung wächst, ist eine gleichbleibende Zahl der Infektionen ein winziger Fortschritt.

Kritik: Therapeutika erreichen nicht die Patienten

Den Bericht nahm die Organisation Ärzte ohne Grenzen zum Anlass für Kritik an der der mangelhaften Versorgung mit vorhandenen Therapeutika. Beim Einsatz der beiden neuen Tuberkulosemittel habe es zum Beispiel im vergangenen Jahr keine signifikanten Fortschritte gegeben, heißt es in einer Pressemitteilung.

Die beiden Medikamente zur Behandlung von resistenter Tuberkulose – Bedaquilin und Delamanid – seien seit fünf Jahren erhältlich und könnten helfen, Leben zu retten. Jedoch bekämen weniger als fünf Prozent der Menschen, die diese Medikamente benötigen, sie auch tatsächlich.

Ärzte ohne Grenzen und die Allianz „Stop TB Partnership” veröffentlichen dazu gleichzeitig den Bericht „Out of Step“, der den mangelnden Fortschritt bei der Umsetzung moderner TB-Bekämpfungsprogramme in 29 Ländern weltweit untersucht hat.

Dr. Isaac Chikwanha, der Tuberkulose-Experte der Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen, erklärt zur Veröffentlichung der beiden Berichte: „Wie kann es sein, dass die tödlichste Infektionskrankheit der Welt zwar heilbar ist, aber im vergangenen Jahr fast 1,7 Millionen Menschen daran gestorben sind? Jahr für Jahr treten mehr Fälle resistenter Formen der Tuberkulose auf, aber die Lücke bei der Diagnose dieser Fälle bleibt enorm: Bei vier von fünf Menschen mit resistenter Tuberkulose wird die Krankheit nicht diagnostiziert, und nur die Hälfte derjenigen, die behandelt werden, wird geheilt." (run/dpa)

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