Ärzte Zeitung online, 10.01.2018

Multiresistenter Erreger

Tuberkulose-Keim reist von Afrika nach Europa

Forscher haben einen neuen resistenten Tb-Erreger entdeckt und konnten die Infektionskette – zumindest teilweise – rekonstruieren.

ZÜRICH. Schweizer Forscher haben einen multiresistenten Tuberkulose (Tb)-Erreger bei acht Flüchtlingen aus dem Horn von Afrika identifiziert. Die Analysen lieferten den Anstoß für eine länderübergreifende Untersuchung und den Aufbau eines europaweiten Alarmsystems, teilt die Universität Zürich mit.

Das Mycobacterium tuberculosis, das bei einem somalischen Asylbewerber aus dem Empfangszentrum in Chiasso im Februar 2016 nachgewiesen wurde, weise eine neuartige Kombination von Resistenzen auf: gegen Isoniazid, Rifampicin, Ethambutol, Pyrazinamid und Capreomycin (Lancet Infect Dis 2018 online 8. Januar). Die Multiresistenz erforderte die Isolierung von Betroffenen und eine mehrmonatige klinische Behandlung.

In den folgenden Monaten wurde der Keim bei weiteren Patienten nachgewiesen, die alle aus Ländern am Horn von Afrika nach Europa migrierten, heißt es weiter in der Mitteilung. Insgesamt identifizierte das Nationalen Referenzzentrum für Mykobakterien (NZM) der Uni Zürich den Erreger zwischen Februar und November 2016 bei acht Flüchtlingen aus Somalia, Eritrea und Djibouti. Dank des raschen Nachweises und der Isolationsmaßnahmen gab es keine weiteren Übertragungen auf Personen in der Schweiz.

Länderübergreifende Zusammenarbeit

Die außergewöhnliche Häufung veranlassten die Leitungen des NZM und des Bundesamts für Gesundheit BAG zu einer Warnung an die europäischen Kollegen. Gleichzeitig diagnostizierte auch das deutsche Referenzlabor in Borstel einen Fall mit dem gleichen Erreger.

Das NZM stellte dem European Center for Disease Prevention and Control (ECDC) die molekularbiologischen Daten zur Identifizierung weiterer möglicher Patienten in der EU zur Verfügung. Bei diesen Untersuchungen stießen die europäischen Referenzzentren auf insgesamt 21 Fälle. Auch diese Patienten stammten aus dem Horn von Afrika oder dem Sudan.

Dank der Warnung konnte nicht nur die weitere Verbreitung des Erregers verhindert werden, die Behörden ergriffen auch Vorsorgemaßnahmen: "Der außerordentliche Fall hat zum Aufbau einer europäischen Warnorganisation für gefährliche Tuberkuloseerreger geführt", wird Dr. Peter Keller vom NZM in der Mitteilung zitiert.

Molekulargenetische Untersuchungen und Interviews mit Patienten ermöglichten die teilweise Rekonstruktion der Infektionskette. Die Daten weisen darauf hin, dass sich der Tb-Erreger in einem libyschen Flüchtlingscamp bei Bani Waleed unter Migranten verbreitete.

Das überfüllte Lager rund 180 Kilometer südöstlich von Tripolis sei berüchtigt für seine unhygienischen und menschenunwürdigen Verhältnisse, so die Uni Zürich. Etliche der diagnostizierten Tb-Patienten passierten das Camp auf ihrem Weg Richtung Norden.

Wer am Anfang des Ausbruchs stehe und die Bakterie ins Camp eingeschleppt habe, lasse sich nicht mehr mit Sicherheit rekonstruieren. Als Ursprungsort des Erregers vermuten die Wissenschaftler den Norden Somalias. Dort dürfte der Tb-Erreger aufgrund neuer Mutationen die gefährliche Resistenzkombination entwickelt haben.

Die genetischen Analysen haben es erlaubt, einen PCR-Schnelltest zu entwickeln. Damit können Personen, bei denen ein Verdacht auf diesen Tb-Keim besteht, innerhalb von Stunden diagnostiziert werden. (eb)

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