Ärzte Zeitung online, 27.03.2018

DGP-Kongress

Ungewöhnliche Tuberkuloseverläufe bei Migranten

Die Tuberkuloseprävalenz ist bei Flüchtlingen je nach Herkunftsland oft deutlich erhöht. Die Herausforderungen bei der Therapie dieser Patientengruppe sind teils enorm – und bisweilen ist detektivische Recherche nötig.

Von Dr. Korkut Avsar

In den letzten drei Jahren hat die Zahl der Menschen, die ihre Heimatländer verlassen, um in Europa eine bessere Zukunft zu suchen, stark zugenommen.

Erfahrungsgemäß ist es sinnvoll, diese Patientengruppe insbesondere im Hinblick auf (psychiatrische) Komorbiditäten, Besonderheiten bei Anamnese, Diagnostik, Therapieführung und sozialmedizinischen Aspekten gesondert zu betrachten. Denn es sind diese Besonderheiten, die teilweise zu ungewöhnlichen Tuberkuloseverläufen führen.

Im Jahr 2015 kamen nach Angaben des Bundesamtes für Migration etwa eine Million Menschen als Flüchtlinge nach Deutschland. Die Tuberkuloseprävalenz ist bei Flüchtlingen je nach Herkunftsland häufig deutlich erhöht. Neben erhöhter Inzidenz im Herkunftsland kann auch die monatelange Flucht einen bedeutenden Risikofaktor darstellen.

Flüchtlinge gelten in Bezug auf die Entwicklung einer Tuberkulose als vulnerable Gruppe. Im Rahmen des Tuberkulose-Screenings nach dem deutschen Infektionsschutzgesetz (§36 Absatz 4) wird in Deutschland bei Flüchtlingen eine Röntgen-Thorax-Aufnahme durchgeführt (RKI-Empfehlung).

Ergibt sich in der Röntgen-Aufnahme der Verdacht auf eine ansteckungsfähige Lungentuberkulose, erfolgt in der Regel die Einweisung in eine stationäre Einrichtung zur weiteren Abklärung.

Sprachbarriere erschwert Arzt-Patienten-Bindung

Mit der Röntgenaufnahme als Erstuntersuchung ist die Erkrankungswahrscheinlichkeit der Geflüchteten allerdings noch nicht ausreichend erfasst.

Hier liefern Fallberichte Beispiele, welche teilweise langwierigen Wege die passive Fallfindung im Weiteren nehmen kann und zeigen auf, vor welche Herausforderung Ärzte bei der Behandlung dieser Patientengruppe gestellt werden. In einer speziellen Situation befinden sich auch minderjährige Flüchtlinge.

Die Verarbeitung traumatisierender Fluchterfahrungen beziehungsweise posttraumatische Belastungsstörungen können die Therapietreue von Patienten mit Tuberkulose stark beeinflussen. Hinzu kommt, dass die Sprachbarriere die Ausbildung einer vertrauensvollen Arzt-Patienten-Bindung erschwert.

Auch geplante Wohnortwechsel mit Unzulänglichkeiten bei der Informationsweitergabe stellen einen großen Risikofaktor für einen Therapieabbruch dar. Namenswechsel, Neuregistrierungen, Anbehandlung im Ausland und Wiedereinreise nach Abschiebung sorgen dafür, dass detektivische Recherche nach Vorbefunden oder anderen Dokumenten einen wichtigen Teil der täglichen klinischen Arbeit mit Geflüchteten ausmachen. Somit stellt das Patientenkollektiv ein Krankenhaus organisatorisch und sozial vor große Herausforderungen.

Schulungen der Patienten könnten helfen

Bei einem Verdacht auf Tuberkulose sind Hygienevorgaben einzufordern, die den Patienten aufgrund von Sprach- und Bildungsbarrieren häufig nur schwer zu vermitteln sind. Da die betroffenen Patienten oft keinen oder einen sehr geringen Leidensdruck verspüren, wird die stationäre Behandlung ungern geduldet.

Hier können regelmäßige Schulungen der Patienten in ihrer jeweiligen Landessprache hilfreich sein. Auch die Auswirkungen auf die spätere ambulante Therapieadhärenz dürften durch eine solche Maßnahme enorm sein.

Da die Patienten sehr häufig unmittelbar nach ihrer Entlassung die Erstaufnahmeeinrichtung verlassen und dezentral untergebracht werden müssen, ist die Informationsweitergabe der Behandlungsbedürftigkeit wichtig. Ein aufgeklärter Patient wird aller Voraussicht nach die unterbrechungsfreie Therapie am wirkungsvollsten gewährleisten.

Dieser Beitrag von Korkut Avsar, Askle-pios Fachkliniken München-Gauting, erschien zuerst in der Kongress-Zeitung zum 59. DGP-Kongress in Dresden.

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