Ärzte Zeitung, 31.10.2006

HINTERGRUND

Experten warnen jetzt vor einer erneuten Vogelgrippe-Panik

Mit dem Beginn der kalten Jahreszeit und dem Start der Vogelzüge kann es in Deutschland wieder zu Ausbrüchen mit dem Vogelgrippe-Virus H5N1 bei Wildvögeln kommen, befürchten Experten. Die Gefahr, daß es zu größeren Epidemien in Geflügelfarmen kommt, halten sie aber für gering.

Ein Huhn schaut auf einem Bio-Geflügelhof durch das Stallgitter. In Risikozonen und Großbetrieben gilt weiter Stallpflicht. Foto: Uwe Zucchi dpa/lhe

Das Bundesinstitut für Tiergesundheit auf der Insel Riems warnt daher auch weniger vor der Vogelgrippe als vielmehr vor einer erneuten Vogelgrippe-Panik. Angst vor dem Virus sei unangebracht, auch wenn weiter Aufmerksamkeit erforderlich sei, sagte der Präsident des für Tierseuchen zuständigen Friedrich-Loeffler-Institutes, Professor Thomas Mettenleiter.

   
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Nach nur einem halben Jahr Erfahrung mit dem Virus H5N1 könne man keine Prognose abgeben, ob die Situation besser oder schlechter werde als im Frühjahr. Wie bei jedem Grippe-Virus sei aber im Winter die Gefahr der Infektion größer, weil bei kalten Temperaturen die Viren länger infektionsfähig bleiben. Mettenleiter geht von zwei Szenarien aus: Einerseits könnten durch den Vogelzug neue H5N1-Viren eingeschleppt werden. Andererseits könnten sich noch im Land befindliche Viren im Winter weiter ausbreiten.

Daß H5N1 noch in Deutschland ist, habe der Tod eines Schwans im August im Dresdner Zoo gezeigt. Wichtig sei deshalb der vorbeugende Schutz der Nutzvögel. In den einzelnen Bundesländern sind deshalb Risikozonen eingerichtet worden, etwa Gebiete, in denen Zugvögel rasten. Dort sowie in Großbetrieben gilt nach wie vor eine Stallpflicht - das gesamte Geflügel muß im Stall bleiben. Außerdem werden in den Ländern Enten und Schwäne ständig überwacht und auf H5N1 kontrolliert.

Das Friedrich-Loeffler-Institut habe inzwischen sein Untersuchungsverfahren verbessert. Als Referenzlabor könne es den Verdacht auf das H5N1-Virus innerhalb von höchstens zwei Tagen bestätigen oder widerlegen, sagte Mettenleiter. Zusätzlich habe das Institut am Bodensee, in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern drei Projekte laufen, bei denen Enten als sogenannte Wächtervögel eingesetzt würden, die regelmäßig auf Viren untersucht werden. Bislang gebe es jedoch keine Erkenntnisse, daß das Virus unter Vögeln aus nördlichen Brutgebieten, die jetzt Deutschland überqueren, stärker verbreitet sei.

    Mit dem Winter kann sich H5N1 bei uns wieder ausbreiten.
   

Ergebnisse von Untersuchungen im Sommer deuteten darauf hin, daß es nicht zu einer explosionsartigen Verbreitung des Virus in der Wildvogel-Population gekommen ist. H5N1 war im Februar erstmals in Deutschland auf der Insel Rügen aufgetreten und hatte sich auf andere Bundesländer ausgebreitet. Insgesamt wurde es bei knapp 350 Wildvögeln und drei Katzen in Deutschland nachgewiesen. Nur einmal, im April, kam es auch zu einem Ausbruch bei Zuchtgeflügel.

Die Verbraucher bräuchten keine Angst vor dem Verzehr von Eiern oder Geflügelfleisch haben, sagte Mettenleiter. Das H5N1-Virus werde bei Hitze ab 70 Grad Celsius abgetötet. Gekochte Eier oder gut durchgegartes Fleisch seien damit sicher. Tote Tiere sollte man jedoch nicht mit bloßen Händen anfassen, und tote Wasservögel sollten Bürger den Veterinärämtern melden. (ddp.vwd)

STICHWORT

H5N1

Von den Vogelgrippe-Viren, den Auslösern der Geflügelpest, sind heute 15 Subtypen bekannt. Der besonders aggressive H5N1-Subtyp wurden erstmals 1997 in Hongkong von Menschen isoliert. Damals erkrankten 18 Menschen, von denen sechs starben. Der Ausbruch wurde gestoppt, nachdem damals Millionen Hühner in der Stadt getötet worden waren. Inzwischen hat sich das Virus aber in Geflügelbeständen in vielen Ländern Südostasiens festgesetzt und ist im vergangenen Winter bis nach Deutschland gelangt. Bisher sind weltweit zwar nur 256 Menschen an dem Virus erkrankt, doch knapp 60 Prozent der Erkrankten starben daran. Und: In diesem Jahr gibt es mit weltweit 73 Toten schon knapp doppelt so viele wie 2005. Eine erste Übertragung von Mensch zu Mensch wurde im Juni in Indonesien nachgewiesen, weitere Übertragungen sind wahrscheinlich. Offenbar ist dafür aber ein sehr enger, direkter Kontakt nötig. (mut)

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