Ärzte Zeitung, 24.08.2017
 

Übertragung

Vogelgrippe: "Schale" macht Viren infektiös

Eine Mineralschicht um Vogelgrippe-Erreger könnte Ursache dafür sein, dass sich Menschen eher bei Vögeln als untereinander infizieren.

FRANKFURT / MAIN. Eine Übertragung von Vogelgrippe-Viren von Mensch zu Mensch ist bekanntlich selten, was dafür spricht, dass die Viren Menschen nicht direkt infizieren können. Ursache könnte eine Eierschalen-artige Mineralschicht sein, die die Viren wegen der hohen Kalzium-Konzentration im Darm von Vögeln – dem vornehmlichen Aufenthaltsort von Vogelgrippeviren – erhalten (Ang Chem 2017; online 17. August).

Bei Versuchen mit in einer dem Vogeldarm-Milieu nachempfundenen Lösung haben Forscher um Hangyu Zhou festgestellt, dass sich um H9N2- und H1N1-Viren 5 bis 6 nm dicke Schalen aus einem Kalziumphosphat-Mineral bilden, heißt es in einer Mitteilung der Gesellschaft Deutscher Chemiker. Die mineralisierten Viren erwiesen sich sowohl in einer Zellkultur als auch bei Mäusen als deutlich infektiöser – und tödlicher – als native Viren. Bei Menschen infizieren Vogelgrippeviren den Atemtrakt und befinden sich dann hauptsächlich in Körperflüssigkeiten, wo die Kalziumkonzentration für eine Mineralisierung zu gering ist. Diese Viren sind daher weniger infektiös – und eine Übertragung von Mensch zu Mensch seltener.

Die mineralische Hülle verändere dabei das elektrische Oberflächenpotenzial der Influenza-Viren. Dadurch adsorbieren diese Viren effektiver an die Oberfläche der Zielzellen. Auch der Aufnahmemechanismus in die Zelle ist ein anderer: Normalerweise dockt das Virus an Rezeptoren auf der Zelloberfläche an und wird in die Zelle geschleust. Die Mineralschicht verhindert dies, führt aber wohl zu einer effektiven Aufnahme: Dabei gelangen die mineralisierten Viren in Lysosomen in die Wirtszellen, deren leicht saures Milieu die Mineralüberzüge auflöst und die Viren freisetzt.

Die Erkenntnisse erklärten, warum sich Menschen eher bei Vögeln als bei infizierten Mitmenschen anstecken, und könnten ein Ansatz für neue Therapien sein, so die Gesellschaft. Bisher seien Forscher davon ausgegangen, dass die Viren in Folge von Mutationen oder einer Rekombination mit anderen Erregern die Artengrenze vom Vogel zum Mensch überschritten hätten. Neue Befunde zeigten aber, dass Vogelgrippeviren, die aus Infizierten isoliert wurden, die gleichen Gensequenzen aufweisen wie die aus Vögeln. (eb)

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