Ärzte Zeitung, 11.10.2011

Mit einem Pflaster gegen Borreliose

Zur Borreliose-Prophylaxe nach Zeckenstich schluckt kaum jemand mehrere Wochen ein Antibiotikum. Eine Alternative könnte ein azithromycinhaltiges Pflaster sein.

Mit einem Pflaster gegen Borreliose

Beim Stich kann eine Zecke Borrelien übertragen.

© Stefan Schejok / panthermedia

LEIPZIG (MUC/dk). Ist die lokale Antibiotika-Therapie die Strategie der Zukunft für die Lyme-Borreliose-Prophylaxe?

Im Tierversuch zumindest gelang es Münchner Forschern, den Erreger in der Haut mit einer lokalen Antibiotikatherapie sicher zu eliminieren.

Experiment mit 78 Mäusen

Der Bakteriologe Reinhard Straubinger von der Ludwig-Maximilians-Universität und sein Team infizierten 78 Mäuse mit dem Erreger Borrelia burgdorferi: Entweder inokulierten sie den Erreger per Nadel oder ließen die Tiere von infizierten Zecken beißen.

Anschließend klebten die Forscher den Mäusen ein mit Azithromycin-Gel beschichtetes Pflaster oder Placebo auf die Stelle des Nadel- oder Zeckenstichs.

Eine Gruppe wurde über einen Nadelstich infiziert

Von den 40 Mäusen, die über einen Nadelstich infiziert wurden, erhielten je zehn Tiere ein Pflaster mit einer fünfprozentigen Azithromycin-Formulierung eine Stunde, drei Tage oder fünf Tage nach Infektion aufgeklebt. Die Restlichen bekamen ein Placebo.

In der "Zecken-Gruppe" erhielten die Tiere das Pflaster mit unterschiedlichen Antibiotikakonzentrationen. Ein Teil der Tiere wurde entweder gar nicht behandelt oder bekam ein Placebo aufgeklebt. Mit der Behandlung wurde direkt nach Entfernen der Zecke begonnen.

Kein Borreliose bei der "Zecken-Gruppe" mehr nachweisbar

Die lokale Therapie überzeugte: Bei keinem Tier aus der "Zecken-Gruppe" ließen sich im Anschluss an die Behandlung noch Borrelia burgdorferi nachweisen.

Gleiches galt für die Mäuse, die über einen Nadelstich infiziert wurden - vorausgesetzt, die Behandlung erfolgte innerhalb von drei Tagen nach Infektion (J Antimicrob Chemother 2011, online 15. September).

Spirochäten bleiben lange am Infektionsort

Die gute Wirksamkeit der topischen Behandlung auch bei verzögertem Beginn erklären die Studienautoren zum einen mit der Art der Erregervermehrung in der Haut. Es ist bekannt, dass die Spirochäten zwei Tage und länger am Infektionsort verbleiben, ehe sie sich im Organismus ausbreiten.

Zum anderen konnten die Forscher zeigen, dass die Gewebekonzentration von Azithromycin fast 4000-fach höher ist als die minimale Hemmkonzentration der Spirochäten.

Phase-III-Studie mit Menschen gestartet

Mittlerweile wird die lokale Antibiotika-Behandlung gegen Borrelien auch mit infizierten Menschen in einer Phase-III-Studie getestet.

Jetzt bleibt zu hoffen, dass diese Untersuchung die gute Wirksamkeit und geringe Nebenwirkungsrate aus den Tierexperimenten bestätigt.

[12.10.2011, 00:05:52]
Dr. Jürgen Schmidt 
Vor der Therapie kommt die Diagnose und vor der Prophylaxe die Gefahrenabschätzung
Die Unterschiede der Borreliosegefahr in den deutschen Waldgebieten ist magels durchgehender Meldepflicht nicht bekannt.

"Natürliche" Testpersonen sind die Waldarbeiter.

Wer im Duvenstedter Brook in Hamburg im Laufe von 1 bis 2 Jahren mehrfach angeknabbert wird, muß in ca 30 % mit einer Serokonversion rechnen.
Doch die Hausärzte und Dermatologen sind diagnostisch "geimpft" und fangen die wenigen Infektionen ab. Meldepflicht gibt es nicht und daher auch keine Zahlen. So kommt es, dass die Infektionsambulanz im UKE nur selten eine Manifestation zu Gesicht bekommt. Entsprechend sind die Daten zur Epidemiologie zu bewerten, in Hamburg und anderswo. zum Beitrag »
[11.10.2011, 18:08:17]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Primärprävention der Borreliose
Eine wirklich interessante Perspektive. Denn die in der Einleitung apostrophierte P r o p h y l a x e gegen Borrelieninfektion nach Zeckenbiss ist "off-label" und unlogisch. Nur bei T h e r a p i e der Lyme-Borreliose Stadium 1 (z. B. Erythema migrans, Primärarthritis) wird 200 mg Doxycyclin über 21 Tage 1 x tgl. leitliniengerecht gegeben. Denn der alleinige Zeckenbiss und -stich führt in Mitteleuropa (neben dem regionalen und saisonalen FSME-Risiko) nur in einem geringen Prozentsatz zu einem tatsächlichen Borrelieninfekt.

In den USA ist bei den dortigen Zeckenarten die Borrelien-Prävalenz wesentlich höher, so dass dort z. T. auch aus haftungsrechtlichen Gründen bei j e d e m Zeckenkontakt eine 3-tägige Prophylaxe mit je 1 Tab. Doxy 200 durchgeführt wird (Bei Kindern alternativ 3 Tage Azithromycin alters- und gewichtsadaptiert).

Ein rein lokaltherapeutisches azithromycinhaltiges Pflaster würde uns in der Entscheidung pro oder contra aktive antiinfektiöse Primärtherapie entlasten und verängstigte Patienten beruhigen. Denn das Risiko einer übersehenen oder fehlbehandelten Borreliose könnte verringert werden.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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