Ärzte Zeitung online, 08.03.2018

Computermodell zur Zeckenentwicklung

"Wir haben eine Dynamik, die wir nicht verstehen"

Forscher rätseln, warum die FSME-Zahlen so stark schwanken und Risikogebiete verschwinden oder neu auftauchen. Zwei Forschungsprojekte sollen Licht ins Dunkel bringen.

Von Wolfgang Geissel

Computermodell zur Vorhersage von Zeckenrisiken in Entwicklung

Zecken erklimmen Grashalme und warten dort auf ihre Opfer. Offenbar steigert ein Befall mit FSME-Viren ihre Aktivitäten.

© Zecken.de

STUTTGART. In Bayern und Baden-Württemberg erkranken die meisten Menschen an Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME). Etwa 85 Prozent der knapp 500 gemeldeten Fälle von 2017 wurden hier registriert. Weitere Risikogebiete gibt es in Hessen, Rheinland-Pfalz und Thüringen.

Und auch aus dem Norden werden Einzellfälle gemeldet, etwa von der niedersächsisch-niederländischen Grenze, privaten Gärten in Berlin oder auch Stadtparks in Mecklenburg-Vorpommern. "Wir haben eine Dynamik, die wir nicht verstehen", sagte Privatdozent Dr. Gerhard Dobler im Vorfeld des 4. Süddeutschen Zeckenkongresses an der Universität Hohenheim zur Nachrichtenagentur "dpa".

Verbreitung durch Nager

Ungewöhnlich sei 2017, dass es nach Zählungen insgesamt weniger Zecken gab, jedoch mehr Erkrankungen. Tückisch sei, dass Verbreitungsgebiete von FSME infizierten Zecken oft nicht größer als ein Fußballfeld seien und über Jahre stabil bleiben könnten.

Genauso könnten Zecken, die das Virus in sich tragen, von einem auf das nächste Jahr verschwinden. "Wir haben noch keine Erklärung für so eine Entwicklung", sagte der Leiter des Deutschen Konsiliarlabors für FSME.

Wie ein solcher Erkrankungsherd in der Natur entstehe oder verschwinde, sei noch lange nicht geklärt, so Dobler: "Eine Theorie ist, dass Nagetiere bei den Hot-Spots eine wichtige Rolle spielen. Nager sind ortstreu, was erklären würde, warum die Hot-Spots wenig wandern."

Und Dobler weiter: "Gleichzeitig befallen Zecken im Larvenstadium bevorzugt Nager und nicht Rot- oder Schwarzwild. Die Nager sind auch die Quelle, an der sich die Zecken die FSME-Erreger holen."

Wechselnde Hot-Spots

Insgesamt stelle die Fülle der Phänomene – neue Arten von Überträgerzecken, wechselnde Hot-Spots und jährlich stark schwankenden Erkrankungszahlen – die Forschung zunehmend vor Rätsel. Antworten sollen zwei Forschungsprojekte bringen.

So ein Computermodell, das künftig Prognosen zum Zecken-Risiko an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten stellen soll. Grundlage sind Beobachtungsdaten, die erstmals bundesweit erhoben werden.

"Wir haben fast 100 Standorte ausgesucht, in denen künftig dreimal im Monat Zecken gesammelt und untersucht werden. Dabei handelt es sich um verschiedene Lebensräume wie Mischwälder, Laub- und Nadelwälder, Agrarflächen oder Siedlungsräume", berichtet die Parasitologin Professor Ute Mackenstedt in einer Mitteilung der Universität Hohenheim.

An der Veterinärmedizinischen Universität in Wien werden diese Daten zusammengeführt und ergänzt – zum Beispiel mit Klimadaten und anderen Phänomenen wie etwa, ob es ein Jahr mit Buchenmast war, in dem ein großes Nahrungsangebot auch den Wildtierbestand ansteigen lässt.

"Die Auswertung soll uns Aufschluss geben, wie sich die Situation in Deutschland ändert, ob wir aus der Zeckendichte auch ein Krankheitsrisiko ableiten können oder wann und wo die FSME-Gefahr im kommenden Jahr besonders hoch sein könnte", erklärt die Parasitologin.

Kamera überwacht Zeckenaktivität

Ein weiteres Untersuchungsziel ist, wie FSME das Verhalten von Zecken ändert: "Wenn Zecken einen Wirt suchen, wandern sie an Grashalmen nach oben und warten dort auf Warmblüter. Eine neue Studie aus Osteuropa deutet an, dass FSME-Viren dieses Suchverhalten von Zecken verlängern könnten", berichtet Mackenstedt.

Mit Kameras soll auch diese Theorie überprüft werden. Dazu legen die Forscher Karrees mit Laubfüllung und senkrechten Stäben an. Die Videoüberwachung hält fest, wie lange und oft die Zecken im Laub nach oben oder unten krabbeln.

Dobler leitet das Forschungskonsortium "Tick-borne encephalitis in Germany" (TBENAGER) zu dem das Projekt gehört. Beteiligt sind unter anderen das Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr, die Universität Hohenheim sowie auch das Robert Koch-Institut, das Friedrich-Löffler-Institut und die Landesgesundheitsämter Bayern und Stuttgart.

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