Forschung und Praxis, 30.07.2004

Strategiewechsel in der Krebsforschung gefordert

Früherkennung von Krebs muß forciert werden

Einen Strategiewechsel in der Krebsforschung hat der Medizinnobelpreisträger von 2001, Professor Lee Hartwell, gefordert. "Wir haben die beste Möglichkeit, die Prognose bei Krebserkrankungen in kürzester Zeit zu verbessern, bislang übersehen", sagte der Direktor des renommierten Fred Hutchinson Cancer Research Center aus Seattle beim Kongreß der American Society of Clinical Oncology (ASCO) in New Orleans.

Hartwell plädiert für eine Art konzertierte Aktion der Forschergemeinschaft zur Früherkennung von Krebs. Dazu seien ähnliche Anstrengungen erforderlich wie bei der Entschlüsselung des menschlichen Genoms, dem humanen Genomprojekt. Gelänge die Diagnostik von Krebserkrankungen im Frühstadium, könnten bereits mit den heutigen therapeutischen Möglichkeiten 90 Prozent der Krebs-Patienten fünf, zehn und mehr Jahre überleben, meint Hartwell.

Er setzt auf die molekulare Diagnostik. Diese werde zwar bereits in der Arzneimittelforschung angewandt, etwa um neue Angriffspunkte für eine medikamentöse Therapie zu definieren. "Aber das ist zu wenig und zu ineffektiv!", kritisiert der Grundlagenforscher.

Die Entwicklung eines Arzneimittels dauere im Durchschnitt zehn Jahre und verschlinge etwa eine Milliarde US-Dollar. Die molekulare Forschung ermöglicht es nun, klinische Studien erheblich zu verkürzen. So gelang es nach Angaben von Hartwell kürzlich, eine Studie bei Patienten mit chronischer myeloischer Leukämie, die bislang mehrere Jahre gedauert hätte, mit Hilfe eines molekularen Markers innerhalb von Monaten abzuschließen. Der Marker hatte das Ansprechen auf eine Therapie angezeigt.

In der klinischen Routine könnten Biomarker zur permanenten Kontrolle des Therapieerfolges, zur Titration der richtigen Dosis oder Ermittlung der individuell am besten geeigneten Arzneimittel-Kombination verwendet werden.

"Was wir aber vor allem brauchen, sind kostengünstige und effektive Diagnose-Werkzeuge für viel mehr Krebsarten", betonte Hartwell. Ihm geht es in erster Linie um die sichere Früherkennung durch Aufklärung der entscheidenden Proteinmuster verschiedener Tumoren. Könnte man diese Erkenntnisse in ein sicheres Krebs-Screening ummünzen, etwa mit Hilfe einfacher Bluttests, wären viel mehr Patienten heilbar als heute.

Voraussetzungen für erfolgreiche Proteinforschung sind vorhanden

Der Aufwand für eine solche Forschung ist immens. "Unser Blut enthält schätzungsweise eine Million Protein-Arten", so Hartwell. Trotz methodischer Fortschritte in der Krebsforschung seien bislang nur 0,1 Prozent davon identifiziert. Notwendig sei daher eine enge Kooperation vieler Forschungszentren wie bei der Entschlüsselung des menschlichen Genoms. Die wissenschaftlichen und technischen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Proteinforschung seien längst da. Die Herausforderung liege in der logistischen Leistung und dem Willen von Universitäten, privaten Forschungszentren, Industrie und Öffentlichkeit, eine wissenschaftliche Arbeitsteilung zu organisieren.

Gelänge dies, könnten, so Hartwell, mit einem Bruchteil des Geldes, das derzeit für Arzneimittelforschung ausgegeben werde, in einem überschaubaren Zeitraum entscheidende Siege gegen Krebs errungen werden. (ner)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Parodontitis als Risikofaktor für Krebs?

Ist eine Zahnbettentzündung ein Risikofaktor für bestimmte Krebsarten? Innerhalb einer großen Gruppe Frauen in der Menopause haben Forscher deutliche Zusammenhänge gefunden. mehr »

Trauerminute und erneuter Terrorversuch

Nur wenige Stunden nach dem islamistischen Anschlag in Barcelona hat die Polizei eine weitere Terrorattacke verhindert. Während in Barcelona noch über 100 Verletzte im Krankenhaus behandelt werden, versammelten sich Trauernde auf der "Las Ramblas". mehr »

3-D-Druck ersetzt Gips-Zahnabdrücke

Die 3-D-Technologie hat längst Einzug in die Medizin gehalten. In München gibt es eine volldigitale Kieferorthopädie-Praxis. Vom Scan bis zum 3-D-Druck des Zahnmodells läuft alles digital. mehr »