Ärzte Zeitung, 21.12.2004

Diarrhoe plus Flushing - die Kombination sollte stutzig machen

Neuroendokrine Tumoren bleiben oft lange unerkannt / US-Onkologen veröffentlichen neue Leitlinien zu Diagnostik und Therapie

TAMPA (ner). "Neuroendokrine Tumoren wachsen manchmal jahrelang, bevor sie diagnostiziert werden", erinnert Professor Larry Kvols vom H. Lee Moffitt Cancer Center & Research Institute in Tampa in Florida. Denn die oft schweren Symptome täuschten leicht andere Krankheiten vor.

Vor allem die besonders häufig vorkommende Kombination von heftiger Diarrhoe und Flushing, also anfallsweisen Hautrötungen mit Hitzegefühlen, sollte stutzig machen. Die Diarrhoe kann mit Krämpfen und Blähungen einher gehen. "Manchmal wachen die Patienten plötzlich nachts auf und haben Durchfall", so Kvols bei einer Internet-Pressekonferenz des Unternehmens Novartis Oncology.

Der Onkologe ist Mitglied einer Arbeitsgruppe des US-amerikanischen Nationalen Krebsnetzwerkes (NCCN -National Comprehensive Cancer Network), die kürzlich eine neue Diagnose- und Therapie-Leitlinie bei neuroendokrinen Tumoren (NET) veröffentlicht hat.

Ziel der Gruppe ist nicht zuletzt, die Aufmerksamkeit von Kollegen auf die Problematik zu lenken. Denn nicht wenige Betroffene werden jahrelang wegen menopausaler Beschwerden, Asthma, Rosacea oder Reizdarm behandelt, bevor die endgültige Diagnose gestellt wird.

Mit einer Prävalenz von ein bis zwei NET-Patienten pro 100 000 Einwohner sind die meist gutartigen Tumoren selten. In mehr als der Hälfte der Fälle handelt es sich um Karzinoide, oft im Gastrointestinaltrakt, aber auch in der Lunge. Die Tumoren schwemmen vasoaktive Substanzen aus, was anfallsartig zu Flush, Diarrhoe oder auch Asthma-ähnlichen Symptomen führt.

Bei Insulinomen kommt es durch das im Pankreas zuviel produzierte Insulin zur unzureichenden Glukose-Versorgung des Gehirns. Dies äußert sich unter anderem in Sehstörungen, Schwindel, aber auch Verwirrung und bizarren Verhaltensweisen. Gastrinome können wiederum Ursache für therapieresistente Gastritiden, Magengeschwüre und Diarrhoe sein.

Essentiell für die Sicherung der Diagnose ist eine Biopsie aus dem Tumor. Hinzu kommen die verschiedenen modernen bildgebenden Verfahren.

Therapie der Wahl ist bei neuroendokrinen Tumoren generell deren operative Entfernung. Liegen Metastasen vor und/oder ist eine Operation nicht möglich, können bei Patienten mit neuroendokrinen Tumoren mit Somatostatin-Analoga wie Octreotid (Sandostatin®) die Hormon-Hypersekretion und zentrale Symptome vermindert werden.

Somatostatin reduziert den Blutfluß in Leber und Milz, hemmt die Gallenblasenkontraktion und die Magensäure- und Pepsin-Sekretion und erhöht die Wasser- und Elektrolytresorption im Darm.

Octreotid-Retardpräparate brauchen nur einmal monatlich intramuskulär gespritzt werden. Bei Bedarf könne zusätzlich Octreotid subkutan verabreicht werden, so Kvols. Die Therapie sei gut verträglich, wie die Erfahrungen aus inzwischen zwei Jahrzehnten zeigten.

Die Betreuung der Patienten ist aufwendig: Das NCCN empfiehlt körperliche Untersuchungen alle drei Monate sowie alle drei bis sechs Monate eine CT oder MRT sowie die Kontrolle spezifischer Tumormarker.

Die NCCN-Leitlinie kann aus dem Web heruntergeladen werden unter: www.nccn.org/professionals/physician_gls/PDF/neuroendocrine.pdf

STICHWORT

Neuroendokrine Tumoren (NET)

Das neuroendokrine System besteht aus Zellen, die sich wie Nervenzellen oder wie endokrine Drüsen verhalten. NET-Tumoren sind oft im ganzen Körper verteilt. Dies erklärt die sehr variable Symptomatik. Zwei Drittel der NET-Tumoren produzieren übermäßig Hormone. Ein Drittel sezerniert keine Hormone und fällt oft erst durch die große Tumormasse und Drucksymptome auf. (ner)

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