Ärzte Zeitung, 16.12.2005

Tumoren bereiten ihre Metastasierung vor

Primärtumor steuert das Ausstreuen / Signale mobilisieren Knochenmarkszellen, die die Organbesiedelung erleichtern

LONDON (dpa). Tumoren bereiten die Bildung von Metastasen im Körper offenbar sorgfältig vor. Sie schicken Zellen des Knochenmarks auf den Weg zu entfernt gelegenem Gewebe, um dieses für die spätere Ankunft der Krebszellen aufnahmefähig zu machen.

Was dieser Metastasierung zugrundeliegt und warum sich die Tochtergeschwülste bevorzugt in bestimmten Organen - häufig sind es Lunge und Leber - bilden, war bislang nicht im Detail bekannt. Dr. Rosandra Kaplan vom Weill Cornell Medical College der Cornell University in New York und ihre Mitarbeiter haben nun nachgewiesen, daß der Ursprungstumor diese Prozesse selbst entscheidend steuert (Nature 438, 2005, 820).

Der Tumor sendet offenbar zunächst Signale aus, die eine bestimmte Gruppe von Knochenmarkszellen mobilisieren. Diese Zellen tragen den Rezeptor VEGFR1 (vascular endothelial growth factor receptor 1) auf ihrer Oberfläche.

    Zellen aus dem Knochenmark eingefangen.
   

Die Zellen gelangen bei ihrer Wanderung durch die Gefäße mit dem Blut zu anderen Organen. Die Experimente belegen darüber hinaus, daß unterschiedliche Ausgangstumoren die Knochenmarkszellen zu verschiedenen Organen schicken.

An ihren jeweiligen Bestimmungsorten sammeln sich die Zellen dann an. Einige Tage später konnten die Forscher in ihren Versuchen mit Mäusen an den Bestimmungsorten auch Krebszellen, also Metastasen, nachweisen.

Antikörper gegen den Rezeptor verhinderten in den Versuchen die Ausbreitung der Knochenmarkszellen und damit die Metastasenbildung. In weiteren Untersuchungen fanden die Forscher schließlich heraus, daß der Tumor am Ort der künftigen Metastase noch andere Faktoren freisetzt, die die Knochenmarkszellen regelrecht einfangen.

Möglicherweise könnten in Zukunft diese Erkenntnisse therapeutisch genutzt werden: Mit entsprechenden Hemmstoffen ließe sich vielleicht die Bildung von Metastasen verhindern, so Dr. Patricia Steeg vom National Cancer Institute in Bethesda im US-Bundesstaat Maryland in ihrem Kommentar in derselben Ausgabe von "Nature".

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