Ärzte Zeitung, 20.03.2006

Neue Strategien gegen Krebs und verbesserte Ansätze zur Versorgung der Patienten - das sind zwei Themenkomplexe beim Deutschen Krebskongreß in Berlin, der Mittwoch beginnt. Ein neues Zentrum in Heidelberg ist Teil einer verbesserten Versorgungsstruktur.

Neues Zentrum für Beratung und Therapie von Krebskranken

Nationales Centrum für Tumorerkrankungen in Heidelberg wird aufgebaut / Interdisziplinäre Ambulanz mit Sprechstunden für alle Tumor-Patienten

HEIDELBERG (bd). Neue Versorgungsstrukturen in der Krebstherapie hat kürzlich Professor Michael Bamberg, Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft, angesichts der steigenden Zahl von Krebskranken in Deutschland angemahnt. Am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg ist man gerade dabei, dies umzusetzen.

Professor Christof von Kalle: Das NCT bietet Niedergelassenen Kooperationen an.

Dr. Dirk Jäger: Patienten entscheiden mit, wo die Therapie erfolgen soll. Fotos (2): NCT

Am NCT finden Krebspatienten eine interdisziplinäre Ambulanz mit Spezialsprechstunden für alle Tumorarten vor: "Jeder Patient hat unabhängig von der Art seines Tumors hier die Gewißheit, von einem Expertenteam nach den neuesten Standards interdisziplinär versorgt oder beraten zu werden", sagte Privatdozent Dr. Dirk Jäger, Leiter des Programmbereichs Klinische Onkologie am NCT, der "Ärzte Zeitung".

Patienten werden in offene Therapiestudien aufgenommen

Wird ein Patient von seinem Hausarzt, etwa mit Verdacht auf ein Kolonkarzinom, ins NCT überwiesen, stellt er sich nach Erfassung seiner Daten an der NCT-Leitstelle in der Spezialsprechstunde "Gastrointestinale Tumoren" vor. Hier werden die bisherigen Befunde gesichtet und falls erforderlich weitere diagnostische Schritte - vom Labor bis zur hochmodernen bildgebenden Technik - für die endgültige Beurteilung des Tumorstadiums veranlaßt. Nach Angaben von Jäger werden grundsätzlich alle Kasuistiken im Anschluß an die Sprechstunden interdisziplinär besprochen.

In diesen als Tumorboards bezeichneten Besprechungen sind stets ein Spezialist aus der jeweiligen Fachsprechstunde, ein medizinischer Onkologe, ein Radiologe, ein Chirurg und ein Strahlentherapeut dabei. Auch die zuweisenden Ärzte und die Patienten selbst können "in besonderen Fällen" am Board teilnehmen. Wann immer möglich, werden Patienten in offene Therapiestudien aufgenommen. Inzwischen werden am NCT schon über 20 Studien gemacht - vor allem der Phasen 2 und 3.

Für Patienten mit Komplikationen während ihrer Erkrankung oder für die zum Teil sehr komplexen Systemtherapien steht am NCT zur Zeit eine Station mit zwölf Betten zur Verfügung. Noch 2006 soll das Angebot ausgebaut werden. In der Tagesklinik erhalten derzeit täglich 35 bis 40 Patienten eine Systemtherapie.

Letztlich entscheiden die Patienten und ihre zuweisenden Ärzte darüber, wo die Therapie und Nachsorge stattfinden soll, betont Jäger: "Wir wollen primär keine Routineversorgung in der Onkologie leisten, sondern sehen unsere Aufgabe darin, Patienten mit komplexen onkologischen Erkrankungen am NCT zu beraten und falls gewünscht, auch zu behandeln."

Für jede Tumorgruppe gibt es Kooperative Onkologische Gruppen (KOG). Sie setzen sich aus Ärzten aller für das jeweilige Krankheitsbild wichtigen Fachrichtungen und Krebsforschern zusammen. Hier werden auch die Studienprotokolle festgelegt und die Aus- und Fortbildung organisiert. Die KOGs erarbeiten die "Standard Operations Procedures" (SOPs): Das sind verbindliche Leitlinien für die Diagnostik, Therapie und Nachsorge.

Die Leitlinien, die auch den internationalen Stand der Krebsforschung repräsentieren, werden von den KOGs regelmäßig kontrolliert und aktualisiert. Diese Leitlinien sollen allen Kooperationspartnern des NCT zugänglich gemacht werden. Das NCT sieht sich auch als Anlaufstelle für Patienten auf der Suche nach einer Zweit-oder Drittmeinung. Davon macht derzeit etwa ein Drittel der Patienten Gebrauch.

Es sei allerdings nicht primäres Ziel, möglichst viele Patienten ans NCT zu binden. Vielmehr solle die Rundumversorgung Krebskranker nach den Leitlinien auch in der Peripherie gesichert werden, betont der Hämato-Onkologe und NCT-Direktor Professor Christof von Kalle.

So biete das NCT niedergelassenen Ärzten, aber auch Krebs-Schwerpunktpraxen und den umliegenden Kliniken Kooperationen an. Von den starren Grenzen in der onkologischen Versorgung zwischen den Fachdisziplinen und der ambulanten und stationären Versorgung wollen die NCT-Protagonisten wegkommen. An der Installation von Systemen, die die Teilnahme von Partnerpraxen oder Kliniken an den Tumorboards durch Videokonferenzen ermöglichen, werde gearbeitet, so von Kalle.

Gemischte Gefühle bei niedergelassenen Onkologen

Von einem Kooperationsangebot des NCT könne jedoch bislang keine Rede sein, sagte Dr. Andreas Karcher, Leiter einer onkologischen Schwerpunktpraxis in Heidelberg, der "Ärzte Zeitung". Vielmehr verfolgten die niedergelassenen Onkologen der Region "die Entwicklung und die Aktivitäten des NCT mit großer Sorge", heißt es in einem offiziellen Schreiben des Berufsverbandes der niedergelassenen Hämatologen und internistischen Onkologen, Regionalverband Nordbaden. Es ist an den Klinikumsvorstand der Uni Heidelberg gerichtet.

Vor allem die "geplante Expansion im Bereich ambulanter Chemotherapien, verbunden mit dem Versuch, möglichst viele Patienten aus dem Großraum Nordbaden, Rheinland-Pfalz und Südhessen zur Behandlung ans Zentrum zu ziehen", betrachten die niedergelassenen Onkologen "als Gefährdung bereits existierender Versorgungsstrukturen", die hoch qualifiziert, patientenorientiert und vor allem heimatnah seien.

Außerdem wollen die regionalen onkologischen Praxen und Kliniken "als echte Partner" an klinischen Studien beteiligt werden. Im Moment seien hier keinerlei Bemühungen des NCT erkennbar.

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Wichtige Brückenfunktion

Ein Grundpfeiler der Philosophie des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen (NCT) ist die Verknüpfung von Forschung und Klinik. Dazu wurden die beiden Lehrstühle "Translationale Forschung" und "Präventive Onkologie" eingerichtet. Sie sollen dazu beitragen, Forschungsergebnisse rasch in die klinische Praxis umzusetzen. Eine enge Verzahnung besteht auch mit dem Krebsforschungszentrum (DKFZ), das mit der Helmholtz-Gemeinschaft einen wesentlichen Teil der Kosten für die Forschung am NCT aufwendet. Hier kommt dem NCT nach Angaben des NCT-Direktors Professor Christof von Kalle "eine wichtige Brückenfunktion" zu. Zusätzlich wurden Schnittstellen zwischen Forschung und Krankenversorgung geschaffen. (bd) 

Gemeinsame Finanzierung

Neue Versorgungsformen brauchen neue Finanzierungsmodelle, worüber derzeit mit den Kassen verhandelt wird. Im Moment wird die personal- und zeitaufwendige Patientenversorgung am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg erbracht, ohne von den Kostenträgern vergütet zu werden, sagt NCT-Direktor Professor Christof von Kalle. Die Anschubfinanzierung wird gemeinsam vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg mit 12,6 Millionen Euro sowie dem dortigen Uniklinikum und der Medizinischen Fakultät mit zehn Millionen Euro bis 2007 getragen. Die Heidelberger Thoraxklinik und die Stiftung Orthopädische Universitätsklinik beteiligen sich an den Personalkosten. (bd) 

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