Ärzte Zeitung online, 14.08.2013
 

Indikator Körpergröße

Krebsrisiko mit dem Zollstock messen

Wer größer ist, hat ein erhöhtes Risiko für zahlreiche Krebsarten. Diesen Zusammenhang haben jetzt US-Forscher bestätigt. Womöglich gibt es dafür ganz banale Erklärungen.

Krebsrisiko mit dem Zollstock messen

Die Vermessung der Frau: Ist das Krebsrisiko erhöht?

© Benicce / fotolia.com

NEW YORK. Bei Frauen wächst mit der Körpergröße auch die Krebsgefahr. Das gilt für maligne Erkrankungen generell, aber auch für einzelne Krebsentitäten.

Dieses jetzt veröffentlichte Ergebnis der Women's Health Initiative (WHI) ist keine Überraschung. Schon zuvor wurde in großen prospektiven Studien ein Zusammenhang zwischen Körperlänge und Krebs hergestellt.

Die WHI-Studie liefert zusätzlich Belege dafür, dass die Korrelation unabhängig von bekannten Risikofaktoren besteht.

In der Studie war das gesundheitliche Schicksal von 144.701 postmenopausalen Frauen im Median zwölf Jahre lang verfolgt worden. In dieser Zeit waren 20.928 Krebserkrankungen diagnostiziert worden (Cancer Epidemiol Biomarkers Prev 2013; online 25. Juli).

Pro 10 cm Größe steigt Risiko um 13%

Krebsrate und Körpergröße waren positiv und signifikant miteinander assoziiert. Wurden etablierte Einflussfaktoren wie Alter, BMI, Rauchen, Alkoholkonsum, Bewegung, Hormontherapie oder Bildungsniveau berücksichtigt, stieg pro 10 cm Körpergröße das Krebsrisiko um 13%.

Ebenfalls signifikant erhöht war bei großen Frauen das Risiko für Karzinome der Schilddrüse, des Rektums, der Nieren, des Endometriums, des Kolons, der Ovarien und der Brust sowie für Multiples Myelom und Melanome.

Die Risikosteigerung pro 10 cm bewegte sich zwischen 29% (Schilddrüsenkarzinom, Multiples Myelom) und 13% (Brustkrebs). Für maligne Tumoren in Hirn und Lunge sowie für Non-Hodgkin-Lymphome fand sich eine grenzwertig signifikante Korrelation mit der Körpergröße.

Ein umgekehrter Zusammenhang wurde für keine der 19 untersuchten Krebslokalisationen festgestellt.

Auch diese Ergebnisse stimmen weitgehend mit älteren Daten überein: In Studien aus Großbritannien und Kanada hatte sich das Risiko für Melanome sowie für Karzinome des Kolorektums, der Nieren, des Endometriums, der Brust und der Ovarien ebenfalls als größenabhängig erwiesen.

In den westlichen Industrienationen wird die Körpergröße zu 80% von der Genetik bestimmt. Rund 180 Single Nucletoide Polymorphisms (SNPs) wurden inzwischen identifiziert, die mit dem Längenwachstum zusammenhängen.

Mögliche Erklärung: Große Menschen hat schlicht mehr Zellen

Mindestens zwei dieser SNPs scheinen auch mit einer erhöhten Anfälligkeit für bestimmte Karzinome assoziiert zu sein. Externe Faktoren, die das Wachstum regulieren, könnten ebenfalls die Krebsentstehung beeinflussen.

Größere Menschen haben z.B. eine höhere Energieaufnahme in der Kindheit, aber auch höhere Spiegel von Insulin-like Growth Factor-1. Letztere finden sich auch bei Personen mit Krebs der Prostata, der Brust und des Darms.

Möglicherweise hängt das Krebsrisiko hochgewachsener Menschen auch damit zusammen, dass sie schlicht mehr Zellen haben, die maligne entarten können. (bs)

[14.08.2013, 12:03:58]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
BMI, KOF und Krebsrisiko
Nicht nur in den letzten 50 Jahren (über-)ernährungsbedingt ansteigende Körpergrößen oder hormonell bedingte Akzelerationen bzw. Verfrühungen psychosexueller Reifungsprozesse lassen Krebsrisiken und -Prävalenzen anschwellen. Auch der Body-Mass-Index (BMI) und die Körperoberfläche (KOF) haben einen Einfluss. So wie große Populationen von Menschen mehr Krankheitsinzidenzen und höheren medizinischen Versorgungsbedarf haben als kleinere Populationen, bestehen große Patienten individuell aus mehr Körperzellen, die potenziell entarten und einen Tumor induzieren können, als kleinere Patienten.

Nimmt man dazu den weltweit in hoch industrialisierten Ländern ansteigenden durchschnittlichen BMI, steigt die Zell- und Substanzmenge der betroffenen Patienten/-innen weiter an. BMI- und KOF- Berechnungen können individuell z. B. nach der Mosteller-Formel über die Uniklinik Jena berechnet werden:
http://www.idir.uniklinikum-jena.de/bmi_kof.html

Speziell bei Krebserkrankungen der Hautoberfläche (Basaliom, Spinaliom, Karzinom, Melanom etc.) ist die Zunahme der KOF in Abhängigkeit vom BMI von Bedeutung.
50 kg Gewicht bei 160 cm Größe bedeuten einen BMI von 19,53 und eine KOF von 1,49 m².
100 kg Gewicht bei 190 cm Größe bedeuten einen BMI von 27,7 und eine KOF von 2,3 m².
150 kg Gewicht bei 190 cm Größe bedeuten einen BMI von 41,55 und eine KOF von 2,81 m².
Extreme Adipositas und Größenwachstum lassen gegenüber kleinen, noch normgewichtigen Menschen die Körperoberfläche fast v e r d o p p e l n.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (BMI 27,14 kg/cm² - KOF 2,06 m²)
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