Ärzte Zeitung online, 04.11.2013
 

Depressionen

Mythos Krebsrisiko?

Kann die Psyche das Immunsystem beeinflussen und damit das Krebsrisiko erhöhen? Solche Fragen treiben die Wissenschaft seit langem um - und ebenso lang wird darüber gestritten. Jetzt haben französische Forscher erste Antworten gefunden.

Von Christine Starostzik

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Der alte Streit: In welchem Ausmaß kann die Psyche körperliche Vorgänge beeinflussen?

© yanlev/fotolia.com

PARIS. Ein möglicher Zusammenhang zwischen Depression und Krebs wird bis heute kontrovers diskutiert. Eine französische Studie untersuchte nun klinische Daten sowie Berichte von Patienten zu deren körperlicher und geistiger Gesundheit über 15 Jahre zu mehreren Zeitpunkten.

In der prospektiven Studie ließen sich keinerlei Assoziationen zwischen depressiven Symptomen und der Entwicklung eines Malignoms erkennen (Am J Epidemiol 2013, online 30. September).

Cédric Lemogne und Kollegen vom Hôpital européen Georges-Pompidou in Paris nutzten die Daten von 14.203 Probanden der GAZEL (Gaz et Electricité)-Kohorte aus den Jahren zwischen 1994 und 2009.

Analysiert wurden das Auftreten einer primären Krebserkrankung, Krankschreibungen über mehr als sieben Tage wegen einer Depression sowie die depressive Symptomatik der Probanden, die mit einem Fragebogen (Center for Epidemiologic Studies Depression Scale, CES-D) in den Jahren 1993, 1996 und 1999 erfasst wurde.

Maligne Tumore in sechs Gruppen

Während des durchschnittlichen Follow-up von 15,2 Jahren erkrankten 1119 Probanden (7,9 Prozent) primär an Krebs, im Mittel 9,2 Jahre nach Beginn der Studie. Ausgeschlossen waren Nicht-Melanom-Hautkrebserkrankungen sowie In-situ-Neubildungen.

Insgesamt wurden die malignen Tumoren in sechs Gruppen eingeteilt: Prostata-, Mamma-, Kolorektalkarzinom, raucherassoziierte Tumoren, Malignome des lymphatischen und hämatopoetischen Systems und sonstige Krebserkrankungen.

Zu den häufigsten malignen Neubildungen zählten: 412 Fälle von Prostatakrebs, 138 von Brustkrebs, 125 von kolorektalem Karzinom und 128 Krebserkrankungen, die in Zusammenhang mit dem Rauchen standen.

Drei Prozent der Männer und 12,5 Prozent der Frauen waren zwischen Januar 1989 und Dezember 1993 länger als sieben Tage wegen einer Depression krankgemeldet, im Schnitt insgesamt 3,4 Wochen. Mit dem CES-D-Fragebogen waren im Jahr 1993 depressive Symptome bei 12.245 Probanden abgefragt worden.

22,8 Prozent der Männer und 25,1 Prozent der Frauen lagen dabei oberhalb der geschlechtsspezifisch festgelegten Grenze für eine Depression (Männer ≥ 16; Frauen ≥ 23 Score-Punkte).

Kein Zusammenhang feststellbar

Von den 13.789 Probanden, die am 1. Januar 2000 ohne Krebserkrankung am Leben waren, hatten 11.877 an mindestens zwei Zeitpunkten den CES-D mit Fragen zu einer möglichen Depressionssymptomatik beantwortet.

9,6 Prozent der Männer und 11,2 Prozent der Frauen zeigten demnach Hinweise auf eine chronische oder rezidivierende Depression. Bis Ende 2009 erkrankten insgesamt 6,6 Prozent der Probanden dieser Subgruppe an einem primären malignen Tumor.

In den adjustierten Analysen ergab sich nach Berücksichtigung zahlreicher Kovarianten (z. B. Alter, BMI) kein Zusammenhang zwischen Depression und Krebs, gleich welcher Art - weder im Hinblick auf die depressionsbedingte Arbeitsunfähigkeit noch auf die depressive Symptomatik.

Dies gilt sowohl für die einmalige Erhebung mittels CES-D als auch für Patienten mit chronischer / rezidivierender Symptomatik. Auch wenn der Cut-off beim CES-D für Männer und Frauen auf ≥ 20 bzw. ≥ 26 angesetzt wurde, ergaben sich ähnliche Resultate.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Der tiefe Blick lohnt sich

[04.11.2013, 15:46:18]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Zur Beruhigung und De-Eskalation!
1. Klinisch manifeste Depressionen erhöhen nach der vorliegenden französischen Studie n i c h t das Krebsrisiko und die Inzidenz ["no compelling evidence for an association between depression and cancer incidence"].
2. O h n e überzeugende Evidenz heißt, dass die Psyche über eine wie auch immer geartete positive oder negative Beeinflussung des Immunsystems das Krebsrisiko n i c h t erhöhen kann.

Die Theorie von einer "Krebspersönlichkeit" entwickelte der Heidelberger Medizinsoziologe Prof (postgrad. Studies ECPD) Dr. Dr. Ronald Grossarth-Maticek, geb. 1940 in Budapest. Er selbst spricht allerdings n i c h t von "Krebspersönlichkeiten", umschreibt aber sehr wohl spezifische Persönlichkeits- und Verhaltensmuster. Z. B. Leid in der Isolation von ersehnten, als zentral wichtig empfundenen aber unerreichbaren Objekten, die bestimmte Risiken verstärkten, etwa das Lungenkrebsrisiko bei Rauchern. Hier spricht Grossarth-Maticek von "Synergieeffekten":

Typ I: zentrale und ausdauernde Ausrichtung auf ein ersehntes, aber sich entziehendes Objekt; Hemmung bei der Verwirklichung der ersehnten Nähe, somit Hemmung der Befriedigung dieses wichtigsten Bedürfnisses. [Unbefriedigte Objektbeziehung]
Typ II: zentrale und ausdauernde Ausrichtung auf ein störendes, hinderndes Objekt, ohne Erreichung der ersehnten Distanzierung, mit immer wieder aufkommender Übererregung und einem Gefühl hilflosen Ausgeliefertseins. [Hilfloses Ausgeliefertsein]
Typ III: hohe Ambivalenz und starke Egozentrik. Instabil, mit zwischenzeitlichen Phasen autonomer Selbstregulation, jedoch auch hyperaktiver übermäßiger Distanzierung bei Verletzungen und intensiver Suche nach Nähe bei emotionalen Bedürfnissen. [Instabile Ambivalenz]
Typ IV: Ausrichtung auf gegenwärtige Objekte, die bei sich selbst Wohlbefinden, Lust oder Sicherheit auslösen oder die einem selbst Sinnerfüllung gewähren. Situations- und bedürfnisangepasste flexible Selbstregulation. [Selbstregulative Ausgeglichenheit]
Typ V: rationales und antiemotionales Verhalten. Bei Überwältigtsein durch Emotionen entstehen Krisen, etwa depressive Zustände. [Emotional instabile Persönlichkeit]
Typ VI: irrationales, durch Gefühle beherrschtes Verhalten, ohne rationale Überprüfung des eigenen Verhaltens. [Irrationale Gefühlsduseligkeit]

Grundlage dieser Erkenntnisse war die von 1973 bis 1995 durchgeführte sogenannte Heidelberger Prospektive Studie, in der rund 30.000 Menschen aus 18.000 Heidelberger Haushalten hinsichtlich einer Vielzahl von Gesundheits-beeinflussenden Variablen untersucht wurden.

Daran krankt jedoch das Grossarth-Maticek'sche Theorem: Die Diskrimination von Subjektivität und Objektivität verschwimmt, wenn zu viele Persönlichkeits-bestimmende Variablen Untersucher- und Patienten-Positionen beeinflussen können. Es geht dann eher um die psychoanalytische Deutungshoheit über Studienergebnisse, welche die verwirrende Lebensrealität von Clouds und Clustern, Prävalenz und Inzidenz von Tumorerkrankungen und -schicksalen interpretieren sollen. Es kommt aber n i c h t darauf an, Neoplasien nur zu interpretieren, sondern sie erklärbar zu machen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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