Ärzte Zeitung, 18.12.2013

Personalisierte Medizin

Medikation maßgeschneidert

Mit der individualisierten Pharmakotherapie und therapiebegleitenden Diagnostik wird gerade wieder ein Stück traditioneller Schulmedizin umgekrempelt. Ein Umbruch, der gerade erst begonnen hat.

Von Thomas Meissner

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Bis Ende 2017 sollen in 324 Projekten neue Medikamente zugelassen oder bereits zugelassene Medikamente in neuen Anwendungsgebieten eingeführt werden, hauptsächlich zur Krebstherapie, für Patienten mit entzündlichen sowie mit Infektionskrankheiten.

© Sven Baehren/fotolia.com

NEU-ISENBURG. "Jeder Mensch ist anders, jeder Mensch ist einzigartig!" - Mit dieser lapidaren Auskunft müssen Patienten bis heute die individuellen Variationen erwünschter und unerwünschter Wirkungen von Arzneimitteln erklärt werden bis hin zur völligen Unwirksamkeit oder Unverträglichkeit.

Ein spezifischer Wirkstoff gegen eine bestimmte Krankheit in fester Dosierung? Seit langem ist klar, dass "One size fits all" nicht funktionieren kann. Versuch und Irrtum, diese bei schweren Krankheiten schicksalhaft zu nennende Komponente der medikamentösen Therapie weitestgehend zu vermeiden, ist ein erklärtes Ziel der pharmakologischen Forschung.

Dieses Ziel kommt mehr und mehr in Sichtweite! "Personalisierte Medizin" ist keinesfalls eine Floskel oder werbliche Wortmarke. Gemeint ist die individualisierte, noch genauer: die stratifizierte Medizin; es geht um die möglichst exakt angepasste Behandlung mit weitgehend vorhersagbarer Wirkung.

Etwas mehr als 30 Medikamente werden nach Angaben des Verbands forschender Arzneimittelhersteller (vfa) derzeit in Deutschland personalisiert eingesetzt, nicht viel angesichts der mehr als 6000 Präparate, die hierzulande in Verkehr sind.

Bis Ende 2017 sollen in 324 Projekten neue Medikamente zugelassen oder bereits zugelassene Medikamente in neuen Anwendungsgebieten eingeführt werden, hauptsächlich zur Krebstherapie, für Patienten mit entzündlichen sowie mit Infektionskrankheiten. Und fast 40 Prozent der Entwicklungsprojekte werden mit Studien zu Optionen der personalisierten Medizin begleitet, so der vfa.

Das bedeutet, dass parallel zum üblichen grundlagenwissenschaftlichen und klinischen Entwicklungsprogramm messbare Patientenmerkmale zellulärer, molekularer oder genetischer Art gesucht werden, die den spezifischen Einsatz der Substanz in exakt definierten Patientengruppen erlauben sollen.

Krankheiten näher charakterisiert

Dies verändert zugleich nachhaltig das Verständnis der untersuchten Krankheiten: Was früher "Brustkrebs" hieß, bedarf heute einer Kette diverser Adjektive und Abkürzungen, damit beschrieben werden kann, um was für eine Patientin es sich tatsächlich handelt; Rheumafaktor, anti-CCP, anti-MCV-Isotope sind Vokabeln, mit denen Rheumatologen die Krankheiten ihrer Patienten künftig näher charakterisieren wollen, um genauer als bislang über die Differenzialtherapie entscheiden zu können.

Und anlagebedingte Toxizitäten, wie sie zum Beispiel bei drei bis fünf Prozent der mit 5-Fluorouracil (5-FU) behandelten Patienten aufgrund einer erniedrigen Enzymaktivität vorkommen, können bei Ausführung entsprechender Vortests vermieden werden, indem die Dosis reduziert oder ein alternatives Medikament gewählt wird.

Es geht bei individualisierter Medizin also nicht ausschließlich um neue Wirkstoffe: Auch Klassiker der Pharmakotherapie können individualisiert angewendet werden, wenn entsprechende Vortests zur Verfügung stehen. Die in diesem Zusammenhang vermehrt auftauchende Begrifflichkeit heißt "Companion Diagnostics", also therapiebegleitende Diagnostik.

Gemeint ist damit die parallele Entwicklung von Medikamenten und passenden Diagnostika, also Tests, um festzustellen, ob eine bestimmte Therapie für den jeweiligen Patienten geeignet ist oder nicht. Das sind Labortests, können auch an Radiopharmaka gekoppelte Biomarker sein, die bei MRT oder PET Zielstrukturen sichtbar werden lassen.

Noch fehlt es oft an solchen Biomarkern und an ausreichenden Daten für klinische Anwendungen von molekularer Stratifizierungsmöglichkeiten. Jedoch wird diese Entwicklung stetig vorangetrieben, unter anderem gefördert durch die Bundesregierung im Rahmen der "Hightech-Strategie 2020 für Deutschland" (www.hightech-strategie.de).

Auch die Europäische Kommission möchte das Thema im Forschungsrahmenprogramm für die Jahre 2014 bis 2020 verstärkt adressieren. So heißt es im Aktionsplan der Bundesregierung, man wolle die Arbeit von Wissenschaftlern und Unternehmen, Versicherern und Ausbildungsinstitutionen koordinieren. Außer um individualisierte Therapien geht es dabei auch um individualisierte Präventionsstrategien.

Datenschutzrechtliche Aspekte

Bei der Regierung erhofft man sich eine führende Rolle Deutschlands auf diesem Feld sowie Fortschritte bei der Bekämpfung von Volkskrankheiten. Die schnelle Entwicklung der Hochdurchsatztechnologie soll der individualisierten Medizin den notwendigen Schub geben.

Zugleich fordert die Bundesregierung, ethische und datenschutzrechtliche Aspekte zu beachten. Projekte wie in Dänemark, wo anonymisierte Daten und mehr als fünf Millionen biologische Proben aus der Bevölkerung für eine nationale Biobank zusammengetragen wurden, erscheinen in Deutschland undenkbar.

Es braucht aber auch rechtliche Rahmenbedingungen, die die Bewertung und Kostenerstattung der neuen diagnostisch-therapeutischen Instrumente in der Medizin ermöglichen. Eines steht schon jetzt fest, auch wenn "Versuch und Irrtum" noch einige Zeit den medizinischen Alltag prägen wird: Die kommenden Jahre versprechen spannend zu werden.

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