Ärzte Zeitung, 20.08.2014

Schonen war gestern

Darum profitieren Krebskranke von Sport

Krebspatienten sollten sich nicht schonen, sondern Sport treiben. Denn körperliches Training kann nicht nur die unerwünschten Wirkungen der Therapie verringern, sondern sogar den Krankheitsverlauf beeinflussen.

Von Thomas Meißner

Darum profitieren Kebskranke von Sport

Beim Sport spüren Krebspatienten die Zunahme der Leistungsfähigkeit, Genuss und Freude an der Bewegung,

© marvinh / iStock / Thinkstock

Supportivtherapie in der Onkologie ist mehr als das Lindern von Schmerzen und die Prophylaxe von Übelkeit, Anämie und Neutropenie. Körperliches Training etwa reduziert Therapie-Nebenwirkungen und verbessert die physische sowie auch die psychische Situation der Patienten. Und: Das Körpertraining beeinflusst den Krankheitsverlauf.

"Schonen war gestern", meint Professor Irenäus Adamietz, Strahlentherapeut an der Ruhr-Universität Bochum, in einem Fortbildungsbeitrag der Zeitschrift CME (CME 2014; 11: 63-72).

Praktisch jeder Krebspatient könne von einem individuell angepassten Trainingsprogramm profitieren: "Die früher propagierte Schonung ist heute obsolet", meint Adamietz. Professor Elke Jäger aus Frankfurt am Main ergänzt im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

"Die Erkenntnis ist noch nicht alt, dass Sport bei Krebs und bei laufender Krebstherapie etwas Gutes ist. Seit zehn Jahren prüfen wir, ob das stimmt. Inzwischen ist klar, dass sich Muskelabbau, Schmerzen, Appetitmangel, Depression und Antriebsarmut mit gezielter Sporttherapie, bevorzugt mit Ausdauer- und Krafttraining, bekämpfen lassen."

Psychologische Auswirkungen der Bewegung

"80 Prozent aller Krebspatienten, und zwar über alle Diagnosen und Therapieformen hinweg, klagen weniger über Fatigue", so Jäger, die am Krankenhaus Nordwest die Abteilung für Onkologie und Hämatologie leitet. Man könne auch sagen, die Patienten werden "leidensfähiger". Sie strengen sich mehr an, brechen seltener eine Therapie ab.

Im Wesentlichen scheint dies auf die psychologischen Auswirkungen der Bewegung zurückzuführen zu sein. Der Krebspatient wird aus seiner bevorzugt passiven Situation als Empfänger schlechter Nachrichten, Befunde und schlecht verträglicher Therapien herausgeholt.

Gerade palliativ behandelte Patienten werden vom Gedanken beherrscht, dass es nun ans Sterben ginge und ihre Tage gezählt seien.

Jäger: "Im Szenario des Trainings erleben sich die Patienten völlig neu, sie spüren die Zunahme der körperlichen Leistungsfähigkeit, Genuss und Freude an körperlicher Bewegung, ja auch am Leben.

Das sind für sie unerwartete Erfahrungen." Nun können aus eigener Initiative heraus spür- und messbare Ergebnisse erreicht werden.

Stärkung der Tumorabwehr?

Inwieweit immunologische Faktoren die Wirksamkeit des Sports bei Krebs beeinflussen, ist Gegenstand der Forschung. Studienergebnisse weisen darauf hin, dass die körpereigene Tumorabwehr gestärkt wird, etwa über eine erhöhte Aktivität natürlicher Killerzellen. Die Deutsche Krebshilfe unterstützt entsprechende Forschungsvorhaben derzeit mit rund 1,4 Millionen Euro.

Nach Jägers Erfahrung ist es günstig, so früh wie möglich körperliches Training als Teil des onkologischen Therapiekonzepts anzusprechen, unter Umständen sofort nach Diagnosestellung.

Allerdings reichen allgemeine Empfehlungen an die Patienten nicht aus. In Frankfurt ist ein Sportmediziner Teil des Behandlungsteams, der die Patienten bereits bei der Visite kennenlernt. Körperliches Training wird verordnet, wie andere Maßnahmen auch.

Voraus geht eine sportmedizinische Untersuchung, um die körperliche Leistungsfähigkeit des Patienten zu prüfen. Viele haben noch nie in ihrem Leben Sport getrieben, umso schwerer ist es, ausgerechnet in der Situation einer schweren Erkrankung damit zu beginnen.

Wohl dosiertes Körpertraining

Die Zusammenarbeit mit einem Institut für Sportmedizin habe sich als Schlüssel zum Erfolg erwiesen, erklärt Jäger. Denn so kann das Training wohl dosiert und individuell gestaltet werden.

"Das Schwierigste ist die Motivation zum ersten Schritt, weil es Berührungsängste gibt, weil die Haare ausgefallen sind und Ängste vor Stigmatisierung bestehen", so Jäger weiter. "Sobald ein sportmedizinischer Befund vorliegt und eventuell sogar die Anbindung zu einer Krebssportgruppe besteht, sind viele gar nicht mehr zu bremsen."

Natürlich sind eine Reihe von Besonderheiten zu beachten. Bei akuten oder neuen Beschwerden wie Fieber, Durchfall oder Schmerzen darf keine körperliche Aktivität stattfinden, bei einer Thrombopenie von unter 10/nl ist das Blutungsrisiko zu hoch und eine Anämie mit Hämoglobinwerten von unter 8,0 g/dl machten ein Training unmöglich, so Adamietz. D

er Strahlentherapeut weist darauf hin, dass sich bei ausgeprägter Anämie erstmalig eine koronare Durchblutungsstörung bei körperlicher Belastung bemerkbar machen kann. Bei immunsupprimierten Patienten müssen hygienische Richtlinien eingehalten werden, grippeähnliche Beschwerden unter Immuntherapien wie mit Interferon oder Interleukin-2 sollten zunächst abklingen, bevor wieder trainiert wird, und bei Knochenmetastasen ist die Frakturgefahr zu beachten.

Trotz solcher Einschränkungen sind die Wirkungen körperlichen Trainings nicht zu unterschätzen. "Inzwischen wurde gezeigt, dass körperliche Aktivität die Mortalität und das Überleben beeinflusst", erklärt Adamietz in seinem Zeitschriftenbeitrag.

So sei bei Brustkrebspatientinnen eine relative Senkung der Mortalität um 24 bis 67 Prozent beobachtet worden - allerdings stammen diese Daten nicht aus Interventionsstudien, weshalb sie mit Vorsicht interpretiert werden müssen.

Sportgruppen für Krebskranke

Unabhängig davon, sollte jeder Krebspatient trainieren, der sich belasten darf. Jäger empfiehlt, sich beim jeweiligen Landessportbund nach Krebssportgruppen zu erkundigen. Viele praktische Hinweise und Kontaktadressen finden sich außerdem in der Broschüre "Bewegung und Sport bei Krebs" aus der blauen Ratgeberreihe der Deutschen Krebshilfe.

Diese Broschüre kann online heruntergeladen oder bestellt werden, und zwar auf: www.krebshilfe.de.

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