Ärzte Zeitung, 12.10.2016

Schilddrüsenkrebs

Inzidenz steigt durch Überdiagnostik

Weltweit ist seit etwa 30 Jahren eine Zunahme der Fälle von Schilddrüsenkrebs zu verzeichnen. Ob dies eine echte biologische Grundlage hat oder doch eher auf Überdiagnostik beruht, haben australische Forscher untersucht.

Von Robert Bublak

Inzidenz steigt durch Überdiagnostik

Der vermehrte Einsatz etwa von Sonografie könnte die steigende Inzidenz von Schilddrüsen-Ca erklären.

© zilli / iStock.com

CANBERRA. Die Inzidenz von Schilddrüsenkarzinomen hat sich je nach Weltregion in den vergangenen Jahrzehnten verdreifacht und manchenorts, etwa in Südkorea, verfünfzehnfacht.

Der Zuwachs geht hauptsächlich auf das Konto kleiner, differenzierter Karzinome, überwiegend vom papillären Typ. Die durch Schilddrüsenkrebs bedingte Mortalität ist hingegen im gleichen Zeitraum konstant geblieben.

Das nährt den Verdacht, die steigende Inzidenz könnte auf Überdiagnostik beruhen, verursacht beispielsweise durch den vermehrten Einsatz der Sonografie an Schilddrüse und Karotiden sowie der Computertomografie der Hals- und Thoraxregion.

Andererseits ist die Mortalität von Schilddrüsenkarzinomen und speziell von kleinen papillären Tumoren so gering, dass es schwierig wäre, eine eventuell vorhandene Differenz aufzuspüren.

Suche nach Studien von Autopsien

Bevölkerungsmediziner um Luis Furuya-Kanamori von der Australian National University in Canberra haben deshalb einen anderen Weg gewählt, um eine Antwort auf die Frage "Überdiagnostik – ja oder nein?" zu finden. Sie machten sich auf die Suche nach Studien von Autopsien, die an Patienten vorgenommen wurden, bei denen zum Todeszeitpunkt keine Schilddrüsenerkrankung bekannt war.

Sollte es sich erweisen, dass die Prävalenz von Schilddrüsenkarzinomen über die Zeit hinweg konstant geblieben ist, spräche dies für Überdiagnostik als Grund für die gestiegene Inzidenz.

Furuya-Kanamori und Kollegen fanden 35 Studien mit 42 Datensätzen zu 12.834 Autopsien aus den Jahren 1949 bis 2007 (J Clin Oncol 2016, online 6. September).

Je nachdem, ob nur makroskopisch auffällige Bereiche der Schilddrüse oder die gesamte Schilddrüse unabhängig vom makroskopischen Eindruck genauer untersucht wurde, lag die Prävalenz von inzidentellem differenziertem Schilddrüsenkrebs bei 4,1 beziehungsweise 11,2 Prozent.

"Erhebliches Reservoir für Schilddrüsenkrebs"

Die Prävalenzraten waren in den Jahren vor 1970 viel niedriger, danach blieben sie stabil auf dem Niveau der Quoten des definierten Referenzzeitraums von 1970 bis 1975.

"Die Studie bestätigt, dass es ein erhebliches Reservoir für inzidentellen Schilddrüsenkrebs gibt", schreiben Furuya-Kanamori und Mitarbeiter.

In den vergangenen paar Jahrzehnten habe es sich nicht verändert. Daher sei es wahrscheinlich, dass der Anstieg der Inzidenz von differenziertem Schilddrüsenkrebs auf einer vermehrten Entdeckung der an sich stabilen Zahl inzidenteller Tumoren beruht.

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