Ärzte Zeitung, 28.10.2016
 

Prävention

Weniger Kilos, weniger Krebsrisiko

Wer kein überflüssiges Körperfett mit sich herumschleppt, hat ein niedrigeres Risiko für viele Krebsarten als Übergewichtige. Vor allem in Tiermodellen ist der kausale Zusammenhang zwischen Gewichtsverlust und Krebsprävention bereits erkennbar.

Von Christine Starostzik

Weniger Kilos, weniger Krebsrisiko

Adipositas: 23 Prozent der Männer und 24 Prozent der Frauen in Deutschland gelten Angaben des Robert Koch-Instituts zufolge als adipös.

© Gina Sanders / fotolia.com

LYON / HEIDELBERG. Jeder dritte Mann und jede zweite Frau in Deutschland sind übergewichtig, 23 Prozent der Männer und 24 Prozent der Frauen gelten Angaben des RKI zufolge sogar als adipös. Dabei werden Übergewicht und Adipositas nicht nur als Risikofaktoren für eine ganze Reihe von Krankheiten angesehen, sie fördern auch die Sterblichkeit.

Weltweit wurden 2013 geschätzte 4,5 Millionen Todesfälle dem Übergewicht oder der Fettleibigkeit zugeschrieben. Zudem geht man davon aus, dass bis zu 9 Prozent aller Krebserkrankungen von Frauen in Nordamerika, Europa und dem Mittleren Osten durch eine Adipositas beeinflusst werden.

Über 1000 Studien gesichtet

Im April dieses Jahres hat die "International Agency for Research on Cancer" (IARC) in Lyon eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die sich erneut mit den präventiven Effekten der Gewichtsregulierung auf das Krebsrisiko befasste, indem sie über 1000 epidemiologische Studien gesichtet hat (N Engl J Med 2016; 375: 794–798).

Als hinreichend gesichert gilt mittlerweile der Zusammenhang zwischen einer Adipositas und Krebserkrankungen an folgenden Organen: Ösophagus (Adenokarzinom): relatives Risiko (RR) der höchsten BMI-Klasse gegenüber Normalgewichtigen 4,8; Kardia: RR 1,8; Kolon und Rektum: RR 1,3; Leber: RR 1,8; Gallenblase: RR 1,3; Pankreas: RR 1,5; Brust (postmenopausal): RR 1,1 pro 5 BMI-Einheiten; Uterus: RR 7,1; Ovar: RR 1,1; Niere (Nierenzellkarzinom): RR 1,8; Meningeom: RR 1,5; Schilddrüse: RR 1,1 pro 5 BMI-Einheiten; multiples Myelom: RR 1,5.

Umgekehrt gehen Béatrice Lauby-Secretan und Kollegen aufgrund der Studienlage davon aus, dass Menschen mit weniger Körperfett einen gewissen Schutz vor diesen Krebserkrankungen haben. Ausreichende Evidenzen hierfür liegen mittlerweile für Karzinome von Kardia, Leber, Gallenblase, Pankreas, Ovar, Schilddrüse sowie für das multiple Myelom und das Meningeom vor.

Je mehr Fett, desto höher das Risiko

Dosisabhängige Beziehungen zwischen Körperfett und Krebsrisiko haben sich für Tumoren von Kolon, Rektum, Kardia, Leber, Gallenblase, Pankreas, Niere und das Adenokarzinom des Ösophagus gezeigt. Beim Endometriumkarzinom ergab sich für Übergewichtige ein relatives Risiko von 1,5, in der Adipositas-Klasse 1 von 2,5; in Klasse 2 von 4,5; und in Klasse 3 von 7,1. Bei Frauen, die eine Hormonersatztherapie erhalten hatten, war dieser Zusammenhang weniger deutlich erkennbar.

Aus Metaanalysen und gepoolten Untersuchungen ergaben sich relative Risiken zwischen 1,2 und 1,5 bei Übergewichtigen und von 1,5 bis 1,8 bei Adipösen für Krebserkrankungen der folgenden Organe: Kolon, Kardia, Leber, Gallenblase, Pankreas und Niere. Bei einem BMI ≥ 40 kg/m2 ist für das ösophageale Adenokarzinom ein RR von bis zu 4,8 publiziert.

 Die Analyse ergab außerdem, dass Übergewicht und Adipositas in jungen Jahren (bis 25 Jahre) das spätere Krebsrisiko in ähnlicher Weise beeinflussen wie ein erhöhter BMI im Erwachsenenalter. Einzige Ausnahme war hier das postmenopausale Mammakarzinom. Frauen, die allerdings zum Zeitpunkt der Krebsdiagnose einen erhöhten BMI hatten, starben früher als Brustkrebs-Patientinnen mit BMI im Normbereich.

Gewichtsverlust senkt Krebsrisiko

Der direkte Vorteil eines niedrigeren BMI konnte außerhalb der Tiermodelle in einer Studie gezeigt werden, in der die Probandinnen, die infolge einer fettreduzierten Diät etwas Gewicht verloren hatten, seltener einen Brustkrebs entwickelten. Auch nach bariatrischen Operationen ergaben sich erste Hinweise auf ein sinkendes Risiko für Mamma- und Endometriumkarzinom.

Die Adipositas geht mit deutlichen metabolischen und endokrinen Veränderungen einher, etwa bei den Sexualhormonen, beim Insulinstoffwechsel und beim insulinähnlichen Wachstumsfaktor (IGF), bei Adipokinen sowie innerhalb der inflammatorischen Signalwege. Umgekehrt ist aber auch erkennbar, dass sich ein Gewichtsverlust positiv auf diese Abläufe auswirkt.

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