Ärzte Zeitung, 01.02.2017
 

Hoher Informationsbedarf

Orale Krebstherapie gut vorbereiten!

In der ambulanten Krebstherapie erhalten Patienten zunehmend orale Medikamente. Das birgt Vorteile, aber auch Risiken. Den gestiegenen Informationsbedarf kann nichtärztliches Personal befriedigen.

Von Thomas Meissner

Gut vorbereiten!

Orale Medikamente kommen in der ambulanten Krebstherapie immer öfter zum Einsatz @ CHW / fotolia.com

Orale Medikamente zur Krebstherapie ergänzen und ersetzen zunehmend intravenös zu applizierende Substanzen. Nach Berechnungen des Wissenschaftlichen Instituts der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen (WINHO) waren im Jahre 2013 bereits mehr als 40 Prozent der Patienten, die unter einer zytoreduktiven Therapie standen, ausschließlich mit oralen Medikamenten versorgt. "Der Fortschritt in der Therapie ist natürlich erfreulich, stellt die onkologische Versorgung der Patienten aber vor neue Herausforderungen", stellen Christoph Riese, Projektkoordinator am WINHO, und seine Kollegen in einer Publikation des Instituts fest (WINHO Spezial 2016).

Mehr Wissen durch Schulung

Gemeint ist etwa die Frage, wie gerade alte und multimorbide Patienten und deren Angehörige mit dem Neben- und Wechselwirkungspotenzial der Substanzen umgehen. Wie sieht es mit ihrer Adhärenz aus? Sind die Patienten tatsächlich in der Lage, die Therapie in ihren Lebensalltag zu integrieren? Die häusliche Umgebung wird zum Behandlungsort. Personen- und verhaltensbezogene Aspekte werden daher wichtig für Therapieentscheidungen. "Aktuelle Studien zeigen, dass Schulungsmaßnahmen zwar zu einer signifikanten Verbesserung des Wissens, aber nicht immer zu einer Verbesserung des Verhaltens führen", so die Onkologen.

Das WINHO hat deshalb mit Unterstützung des Bundesgesundheitsministeriums untersucht, inwiefern die Kompetenz von Patienten unter oraler Krebstherapie verbessert werden kann, und zwar mittels Schulung durch nichtärztliches Personal. In der PACOCT (Patients Competence in Oral Cancer Therapy)-Studie haben Onkologen und Hämatologen aus 28 Praxen Daten zur aktuellen Versorgungssituation gesammelt und im zweiten Teil geprüft, wie sich eine strukturierte, auf mehrere Zeitpunkte verteilte Patientenberatung durch onkologische Pflegekräfte und Medizinische Fachangestellte (MFA) auswirkt.

Die Befragung von knapp 600 Patienten aus 90 onkologischen Schwerpunktpraxen hat zunächst ergeben, dass auf orale Krebstherapien eingestellte Patienten im Mittel 70 Jahre alt sind und ihre Diagnose bereits seit längerer Zeit kennen. Sie haben oft bereits Operationen, Bestrahlungen und Infusionstherapien hinter sich. 80 Prozent der Befragten leiden unter weiteren Erkrankungen. Aus dieser Multimorbidität resultiert eine polypharmazeutische Versorgung, mit der es umzugehen gilt.

Außerplanmäßige Praxisbesuche

"Weiterhin fällt auf, dass circa 20 Prozent der Patienten außerplanmäßig in die Praxen kommen", heißt es in dem WINHO-Bericht. Gründe dafür sind meist akute Probleme oder ein erhöhter Informationsbedarf. Zwar geben fast alle Befragten an, sich ausreichend beraten zu fühlen, andererseits werden eben doch Wünsche nach zusätzlicher Beratung geäußert. "Hier stehen vor allem Neben- und Wechselwirkungen sowie das Verhalten im Alltag im Vordergrund." Dieser gestiegene Informationsbedarf sei nur mit zusätzlichen Kräften zu bewerkstelligen, meinen die befragten Hämatologen und Onkologen.

Sie wünschen sich eine Beteiligung speziell fortgebildeter onkologischer Pflegekräfte und MFA – etwa vergleichbar mit den Erfahrungen bei der Versorgung von Diabetes-Patienten. "Nichtärztliche Mitarbeiter können in einer angemessenen Beratungssituation unter Umständen sogar die persönliche Situation von Patienten besser und nachhaltiger erreichen als akademisch geprägte Mediziner", meint Dr. Pablo Zamora vom WINHO (Forum 2014; 29: 42-45).

Gefördert werden soll die Fähigkeit, mit den Belastungen der Krankheit sowie der Therapie umzugehen und die Selbstwirksamkeitsüberzeugung der Patienten soll gestärkt werden. Letzteres bedeutet, dass der jeweilige Patient überzeugt ist, die Kontrolle über einen bestimmten Prozess zu haben und fähig ist zu agieren.

Genau diese Kompetenzen waren im zweiten Teil der PACOCT-Studie zwischen März und Dezember 2014 überprüft worden. Verglichen worden waren dazu 122 Patienten der Interventionsgruppe aus 17 onkologischen Schwerpunktpraxen mit 56 Patienten der Kontrollgruppe aus 11 Schwerpunktpraxen. Die Teilnehmer litten vorwiegend an Darmkrebs, myeloproliferativen Erkrankungen, Brust- und Lungenkrebs. Die Interventionsgruppe war durch nichtärztliches Personal geschult worden. Diese Schulungskräfte stammten aus den Interventionspraxen und hatten vor Studienbeginn selbst eine zweitägige Schulung erhalten, zum Beispiel zu motivierender Gesprächsführung oder Wirkmechanismen von Zytostatika. Die onkologischen Pflegekräfte und MFA nutzten den Gesprächsleitfaden MOATT, der im Vorfeld der Studie zu einem Beratungsinstrument weiterentwickelt worden war.

Die Schulungen vor Beginn der oralen Krebstherapie sowie zu vier weiteren Zeitpunkten wirkten sich auf das Wissen der Patienten in Bezug auf Einnahmevorschriften, Handhabung und Lagerung der Medikamente aus sowie dazu, wie und wann womöglich unerwünschte Wirkungen auftreten können. Sie erhielten außerdem Hinweise, wie sie sich in kritischen Situationen verhalten sollen. Ein Wissenstest in der Interventions- und in der Kontrollgruppe nach zwölf Wochen ergab, dass Patienten in der Interventionsgruppe über einen höheren Wissensstand verfügten und sich dies auf die persönliche Selbstwirksamkeitsüberzeugung positiv ausgewirkt hatte – dies war mit einem standardisierten Score gemessen worden.

Ungeplante Therapieunterbrechungen, ohne den Arzt zu informieren, kamen zu 14 Prozent in der Interventionsgruppe vor, aber bei 25 Prozent der Patienten in der Kontrollgruppe. Umgekehrt stimmten geschulte Patienten deutlich häufiger Unterbrechungen der Therapie mit dem Arzt ab, nämlich 27 Prozent versus 18 Prozent.

Weniger Nebenwirkungen

Interessanterweise waren Nebenwirkungen in der Kontrollgruppe deutlich gehäuft: So hatten 40 Prozent der Patienten der Interventionsgruppe unter Capecitabine Hautausschläge, aber 100 Prozent in der Kontrollgruppe. Dies bestätige die Annahme, dass geschulte Patienten befähigter seien, mit den Anforderungen und Belastungen der Therapie umzugehen, konstatieren die Studienautoren. Der Erfolg der standardisierten Patientenschulung in der onkologischen Ambulanz hat dazu geführt, dass zusammen mit den Landesärztekammern Hessen und Westfalen-Lippe ein Curriculum zur Qualifizierung nichtärztlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entwickelt worden ist. Diese sind nach Angaben des WINHO bereit und in der Lage, entsprechende, die Fachärzte entlastende Aufgaben zu übernehmen.

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